von Ernst Rösner
Mein Enkelsohn Moritz hatte eine behütete Kindheit, war ein guter Schüler und machte sein Abitur wie die üblichen sechzig Prozent seines Altersjahrgangs. Jetzt ist er neunzehn und studiert Energieeffizienz mit dem Schwerpunkt Geothermie. Was früher war, hat ihn nie interessiert. So ist das bei Enkeln.
„Wie war das eigentlich mit der Schule zu Deiner Zeit?“
Seine Frage kam unerwartet. Was sollte ich darauf antworten? Es gab die bedrückenden Schulen meiner Kindheit und Jugend, Aufstieg und Abbruch der Schulreformen in meiner Studentenzeit, später die kritische Beobachtung der Schulentwicklung von Berufs wegen. Oder gar die Zeit des großen einvernehmlichen Wandels, kurz nach meinem Eintritt in den Ruhestand?
Ich versuchte mich an einer die Zeiten übergreifenden Antwort: „Nun ja, damals hatten wir noch ein Schulsystem, von dem es hieß, es sei begabungsgerecht. Die meisten Kinder besuchten nach der Grundschule eine Hauptschule, eine Realschule oder ein Gymnasium. In einigen Bundesländern gab es auch Gesamtschulen.“
„Also vier verschiedene Schulen für vier verschiedene Begabungen?“
„Eigentlich waren es noch mehr. Es gab ja noch Förderschulen für Kinder mit Behinderungen. Also mindestens fünf Begabungen.“
„Wie wurden denn die Begabungen festgestellt?“
„Das geschah in der Grundschule. Also spätestens im vierten Schuljahr.“
Moritz schwieg einen Moment und überlegte. „Sehr übersichtlich“, murmelte er. „Aber damit ich es besser verstehe: Woran erkannte man damals eine Begabung, zum Beispiel eine Realschulbegabung?“
„Das war eigentlich nicht so schwer: Diese Kinder zeigten in der Grundschule bessere Leistungen als Hauptschulbegabte und schlechtere als Gymnasialbegabte.“
„Und dazu brauchte man drei verschiedene Schulen?“
„Nein, allein dazu gewiss nicht. Aber die Begabungen wurden ja nicht nur nach Leistungen zuerkannt, sondern auch nach Begabungstypen. Eine Hauptschule besuchten vor allem Kinder mit praktischen Begabungen, ein Gymnasium war den theoretisch Begabten vorbehalten.“
„Und eine Realschulbegabung?“
„Die hatte eben von beidem etwas. Theoretisch-praktisch eben. Oder umgekehrt.“
„Ich wüsste gern, welcher Begabungstyp ich gewesen wäre.“, sinnierte Moritz.
Darauf wusste ich keine Antwort. In der Schule war Moritz an Naturwissenschaften interessiert, seine Leistungen in den Fremdsprachen waren zumindest passabel. Ich erinnerte mich, dass er im Projektunterricht beim Bau des obligatorischen Vogelhäuschens eine führende Rolle übernommen hatte: Planung und Zeichnung, Zuschnitt, Zusammenbau, ökologisch begründete Standortauswahl. Als Halbwüchsiger frisierte er sein E-Bike und installierte in unserer Wohnung eine elektronische Optimierung der Solaranlage. Nach einem Semester in Schottland sprach er fließend Englisch.
Welcher Begabungstyp also?
Ich zögerte. „Um ehrlich zu sein: Das mit den Begabungstypen hat nicht funktioniert.“
„Verstehe. Aber wieso nicht?“
„Das hatte zwei Gründe: Auf der einen Seite erwies sich die Spezies der praktisch Begabten als nicht überlebensfähig – sie starb aus. Also brauchte man keine Hauptschulen mehr.“
„Eine Art schleichender Auszehrung vielleicht?“
„Das auch. Es hatte aber auch mit der allgemeinen Entwicklung der Schülerzahlen zu tun. Wenn die Zahl sank, betraf das vor allem die Hauptschulen. Die anderen Begabungstypen erwiesen sich als resistenter. Vielleicht so etwas wie Darwinismus im Schulwesen, aber ich weiß es nicht.“
„Und auf der anderen Seite?“
„Früher sprachen wir über regionale Disparitäten, die die Eltern einfach nicht mehr akzeptieren wollten. In manchen Regionen gab es noch größere Vorkommen praktisch begabter Kinder, in anderen gar keine mehr. Dafür fand sich keine überzeugende genetische Erklärung. Also haben die Eltern entschieden: Unser Kind ist zwar begabt, aber nicht praktisch, nicht theoretisch und schon gar nicht praktisch-theoretisch.“
„Und sich für Schulen entschieden, wie wir sie heute haben. Vermute ich jedenfalls.“
„Im Prinzip ja, aber es war ein mühsamer Prozess. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass Schulen in der breiten Öffentlichkeit als differenzielle Entwicklungsmilieus erkannt wurden.“
„Klingt schon wieder reichlich verquast. Was ist denn gemeint?“
„In der Wissenschaft war damals längst bekannt, dass die Leistungsentwicklung eines Kindes stark von der besuchten Schulform abhängt. Wenn also Eltern der Empfehlung der Grundschule widersprachen und sich beispielsweise für ein Gymnasium statt einer Realschule entschieden, dann konnten sie mit großer Zuversicht davon ausgehen, dass ihr Kind erfolgreich sein wird. Und das sprach sich eben herum.“
„Wenn das so war: Wieso wurden nach nur vier Schuljahren solche Empfehlungen ausgesprochen?“
Als Antwort lag mir auf der Zunge: Weil es immer schon so war. Aber nach einem Leben im Wissenschaftsbetrieb hatte ich mich dem Erfordernis komplexeren Deutungen unterworfen. „Erstens gab es unter den damals 16 Bundesländern immerhin zwei, in denen die Grundschulzeit sechs Jahre betrug. Zweitens ging es damals nicht nur um Empfehlungen, sondern um Entscheidungen der Grundschulen. Zum Beispiel in Bayern oder in Baden-Württemberg.“
Aber, so wollte ich ergänzen, Empfehlungen wie Entscheidungen haben sich als unbrauchbar erwiesen, als amtlich verordnete Hellseherei. Schon damals belegten Studien, dass vierzig Prozent der erkannten Schulformeignungen falsch waren: Jeweils zwanzig Prozent zu gut oder zu schlecht. Überdies standen beide Abweichungen in einem starken Zusammenhang zur sozialen Herkunft der Kinder.
Moritz unterbrach mein Nachdenken und fragte. „Und das haben die Eltern hingenommen?“
„Am Ende nicht mehr. Dazu musst Du wissen, dass immer mehr Eltern immer bessere Schulabschlüsse erworben hatten, immer besser informiert waren und für ihre Kinder nach Möglichkeit noch bessere Schulabschlüsse anstrebten. Damit folgten sie der Logik des Arbeitsmarktes, letztlich also dem Ziel, den gesellschaftlichen Status der Familie in der Generationenfolge zu erhalten.“
„Klingt schon wieder kompliziert.“
„Ist aber ganz einfach: Vor allem die Berufstätigkeiten bestimmen den gesellschaftlichen Status. Wenn die Kinder den Beruf ihrer Eltern erlernen wollten, brauchten sie dafür einen besseren Abschluss. Und dazu wählten die Eltern die passenden Schulen. Irgendwie gelang ihnen das. Im Rückblick verrate ich Dir: Die wahren Schulpolitiker sind die Eltern.“
„Kann man sich heute kaum noch vorstellen“, grübelte Moritz. „sechszehn Bundesländer…“
„…mit sechzehn verschiedenen Schulsystemen“, ergänzte ich.
„Und kein Mensch konnte erklären, warum das so sein musste. Da sind die Verhältnisse heutzutage klarer.“
„Nicht ganz, mein Lieber: In einigen Regionen Bayerns hat sich das alte System noch erhalten können. Du kannst es sogar besichtigen, in der Oberpfalz zum Beispiel. Es ist ein ausgedehntes Freilichtmuseum, aber der Besuch kostet Eintrittsgeld.“
„Vielleicht fahre ich mal hin“, meinte Moritz. „Kann ja interessant sein zu sehen, wie das früher war und was sich bis zum Jahr 2030 verändert hat.“
2030? Ich schreckte auf und blickte auf die Uhr. 2. April 2011, 6.45 Uhr. Ein Traum. Rückkehr ins Jetzt. Auf meiner Stirn bildeten sich Schweißperlen.