In kaum einem anderen Land der Erde ist das Schulsystem so unübersichtlich wie in Deutschland. Der föderalen Struktur geschuldet, gibt es in Deutschland 16 unterschiedliche Systeme, die von der Zweigliedrigkeit bis zur Viergliedrigkeit reichen, ohne das Förderschulwesen in die Betrachtung einzubeziehen.
Doch die Diskussion um die Struktur des Schulwesens in den Bundesländern ist in Bewegung geraten. Aufgrund des demografischen Wandels und des veränderten Elternwahlverhaltens, das vor allem zu Lasten der Hauptschule geht, ist die Frage der Schulstruktur insbesondere in den westdeutschen Ländern in den Fokus der parteipolitischen Auseinandersetzungen gerückt. Die ostdeutschen Bundesländer sind von dieser Frage wenig berührt, da sie bei der Neuordnung ihrer Schulsysteme nach der Wiedervereinigung sich in der Regel für ein zweigliedriges System aus Gymnasium und einem Verbund aus Haupt- und Realschule entschieden haben.
Besonders virulent ist die Diskussion der Schulstruktur in den westdeutschen Ländern, die noch ein stark gegliedertes Schulsystem haben. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sich abzeichnet, dass sich die Hauptschule auf Dauer als eigenständige Schulform nicht mehr halten kann. Zu diesen Ländern gehören vor allem Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Gerade diese Bundesländer waren sich lange sicher, ihr stark gegliedertes Schulsystem erhalten zu können. Nun kommen auch sie zu der Einsicht, dass sie sich der Frage stellen müssen, welche Schulform neben dem Gymnasium auf Dauer existenzfähig sein wird. Dabei stellt sich heraus und dies ist deckungsgleich mit der Auffassung des VBE, dass es nicht reichen wird, neben dem Gymnasium eine Schulform zu bilden, die einen rein organisatorischen Zusammenschluss von Haupt- und Realschule darstellt. Die neue Schulform, wie immer sie heißen mag, wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie alle Bildungsabschlüsse einschließlich des Abiturs als Möglichkeit anbietet oder zumindest den Weg dorthin offen hält.
Wenn man die sich abzeichnenden Veränderungen in den einzelnen Bundesländern betrachtet, so wird deutlich, dass das Schulsystem in Deutschland trotz föderaler Struktur auf dem Weg zur Zweigliedrigkeit ist. Dies könnte langfristig dazu führen, dass Eltern die aufgrund beruflicher oder familiärer Veränderungen in ein anderes Bundesland umziehen müssen, in zehn Jahren nicht mehr mit dem Problem konfrontiert werden, dass es die Schule, die ihr Kind zur Zeit besucht, in dem anderen Bundesland nicht gibt.
Udo Beckmann
Bundesvorsitzender des VBE