Von Helge Dietrich
Immer mehr Schulen in der Bundesrepublik Deutschland fusionieren. Dies hat in Flächenstaaten manchmal demographische Gründe. Schulstandorte sollen erhalten werden. Nicht so häufig kommt es vor, dass Veränderungen der Struktur des Schulwesens der Grund für Schulfusionen sind.
In Berlin ist kürzlich eine umfassende Änderung der Schulstruktur vorgenommen worden: Die Hauptschule wurde abgeschafft. Stattdessen gibt es nun in der Sekundarstufe 1 ein zweigliedriges System: neben einer Integrierten Sekundarschule (ISS) gibt es nur noch das Gymnasium. Das Abitur können Schülerinnen und Schüler an diesen beiden Schularten ablegen, an der ISS in (insgesamt) 13 Jahren, am Gymnasium in 12 Jahren. Im Zuge dieser Reform, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, ist es kürzlich geradezu zu massenhaften Schulfusionen gekommen, denn der Grund für eine so einschneidende Veränderung der Strukturen ist ja leider nicht immer der Wunsch nach einer Verbesserung der pädagogischen Arbeit an diesen neuen Schulen, sondern vielmehr der nach geringeren Kosten.
Über die Arbeit in diesen fusionierten Schulen schon jetzt etwas aussagen zu wollen, wäre vermessen, denn es war ja zumeist nicht der Wunsch der Kollegien, jetzt mit einer anderen Schule zu fusionieren, es war die Anweisung der Bildungsverwaltung.
Aber es hat auch schon in zurückliegender Zeit Schulfusionen gegeben, die mit einer mehr oder weniger losen Kooperation begannen, dann aber doch in einer Fusion mündeten.
Schulpolitische Vorgaben
Begonnen hatte alles mit der politischen Vorgabe der Rot-Roten Koalition in Berlin, sozusagen als pädagogisches Experiment eine Gemeinschaftsschule zu etablieren, eine Schule also, in der Kinder von der 1. bis - im Idealfall der 13. – Klasse gemeinsam lernen können. Wer eine solche Schule anstrebt, muss wissen, dass zu einem Erfolg einer solchen Schulform vorher eine Menge Mehrarbeit auf die Kollegien zukommt. Alle bisherigen Erfahrungen etwa mit leistungshomogenen Gruppen müssen über Bord geworfen werden, denn Gemeinschaftsschule heißt natürlich leistungsheterogenen Unterricht, in dem sehr stark binnendifferenziert gearbeitet werden muss. Hinzu kommt die Einschätzung der Gegner dieser Schule, die von einer Reanimierung der Polytechnischen Einheitsschule der DDR sprachen.
Im Schuljahr 2008/2009 machten sich zunächst 11 Schulen auf den Weg zur Gemeinschaftsschule. Mittlerweile sind es schon 20 Gemeinschaftsschulen in Berlin. Auch die Gremien der Moses-Mendelssohn-Gesamtschule beschlossen 2008, eine Gemeinschaftsschule zu werden. Das Kollegium sprach sich mehrheitlich dafür aus. Bald war auch eine Grundschule gefunden, mit der kooperiert werden sollte. Es handelte sich dabei um die etwa 1km entfernte James-Krüss-Grundschule. Die Kooperation mit einer Grundschule war notwendig, weil Gesamtschulen bis auf wenige Ausnahmen in Berlin keine Primarstufe haben. Beide Schulen liegen im Berliner Stadtteil Moabit im Bezirk Mitte. Der Anteil von Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunft liegt im laufenden Schuljahr 2011/12 bei 79,6%.
Schulen nähern sich an
Zunächst wollten die beiden Schulen ihre Eigenständigkeit behalten und nur kooperativ zu einer Zusammenarbeit kommen. Schülerinnen und Schüler der Grundschule sollten das Recht haben, nach der 6. Klasse in jedem Fall einen Platz an der Moses-Mendelssohn-Schule zu erhalten. Im Idealfall sollten die Schülerinnen und Schüler auch im gleichen Klassenverband bleiben. Dies hat natürlich pädagogische Vorteile. Bei einem Gespräch mit der erweiterten Schulleitung sprach Katja Rehnitz, derzeit kommissarische Schulleiterin der Schule, von einer „Wunschheirat“ beider Schulen. In der Zwischenzeit wurden beide Schulen jedoch vom Schulträger aufgefordert, auf die anfängliche Kooperation zu Gunsten einer Fusion zu verzichten. Gleichzeitig wurde in das Gebäude des Oberschulteils ein Gymnasium verlegt, dass nur die Jahrgangsstufen 11 und 12 umfasst. Die Alternative wäre indessen gewesen, das Gymnasium aufzulösen und die vorhandenen personellen und sächlichen Ressourcen der neu entstehenden Gemeinschaftsschule zuzuschlagen und damit die Attraktivität dieser neuen Schulform bei interessierten Eltern und Schülerinnen und Schülern zu erhöhen. Damit wäre eine echte Gemeinschaftsschule für Schülerinnen und Schüler aller Begabungen in einem Stadtteil geschaffen worden, der nicht gerade durch eine Vielzahl bildungsorientierter Eltern geprägt wird.
Fusion: Ohne Mehrarbeit läuft nichts
Wer sich auf ein solch anspruchsvolles Experiment einlässt, muss wissen, dass er völlig neu beginnen muss. Das wussten die beteiligten Kollegien auch. Es bedeutete u.a. eine Veränderung des Unterrichts. Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Begabungen in einer Lerngruppe wollen anders gefordert und gefördert werden. Binnendifferenzierende Unterrichtsmethoden müssen entwickelt werden. Jeder muss dort abgeholt werden, wo er sich gerade befindet. Dazu benötigen Lehrerinnen und Lehrer nicht nur ein gerüttelt Maß an Engagement und auch an Idealismus, sie benötigen Platz, z.B. zur Gruppenteilung. In skandinavischen Schulen kann man sehen, dass es funktioniert, wenn die Ressourcen vorhanden sind. Im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen der erweiterten Schulleitung wurde deutlich, dass beide Kollegien sich der Situation durchaus bewusst waren.
Sie hatten schon im Vorfeld der Kooperation versucht, sich sachgerecht auf das Experiment einzustellen. Es gab nicht nur gesellige Kaffeerunden, sondern auch gemeinsame Arbeitssitzungen, in denen Modelle der zukünftigen Zusammenarbeit erarbeitet wurden.
Aber es kam dann doch etwas anders. Die Schulverwaltung und der Schulträger zwangen beide Schulen in eine Fusion. Seit zwei Jahren gibt es nicht mehr zwei voneinander unabhängige, aber kooperierende Schulleitungen, sondern nur noch eine. Und hier zeigt sich auch der Anspruch der Verwaltung in Berlin, innovative Schulmodelle als Sparmöglichkeit zu benutzen. Durch die Fusion fielen zwei Leitungsstellen (von 5) ersatzlos weg.
Bilanz: Es sieht gut aus!
Ist die Fusion nun gelungen und ist die neu entstandene 1. Gemeinschaftsschule Mitte auf einem erfolgreichen Weg? Die Frage kann nur differenziert beantwortet werden. Als Vorteil sehen es die Gesprächspartner der erweiterten Schulleitung an, dass Schülerinnen und Schüler für 10 Jahre gemeinsam lernen dürfen. Das funktioniert weitgehend auch. Bis zu 2/3 der Grundschülerinnen und -schüler verbleibt nach der 6. Klasse an der Gemeinschaftsschule. Das ist eine durchaus beeindruckende Zahl und zeigt, dass das gemeinsame Kollegium offensichtlich eine gute Arbeit leistet, die von Eltern auch wahr genommen wird.
Allerdings sind die beiden Kollegien in ihrer gegenseitigen Wahrnehmung noch nicht so zusammengewachsen, dass man zufrieden sein könnte. So gibt es immer noch getrennte Treffen, man plant Unternehmungen nur für den jeweiligen Standort.
Am besten funktioniert die Zusammenarbeit noch im Freizeitbereich. Das liegt daran, dass dieser Bereich in der Verantwortung des „SOS-Kinderdorf Moabit - Sozialpädagogischer Bereich“ liegt. Die Erzieherinnen und Erzieher sind Angestellte des Trägers. Kristina Schulz, die Verantwortliche, erklärte uns, dass die Erzieherinnen und Erzieher an beiden Schulstandorten tätig sind. So kennen sie die Schülerinnen und Schüler, wenn sie an den Oberschulteil wechseln, schon sehr gut und können viel erfolgreicher pädagogisch arbeiten.
Aber es gibt auch Probleme, weil die Strukturen der Gremien in den beiden Teilen der Schule unterschiedlich sind und nur schwer zu verzahnen sind.
Das Projekt Gemeinschaftsschule war ein Kind des alten rot-roten Senats. Insbesondere die Partei „Die Linke“ hatte es sich auf die Fahnen geschrieben. Aber nach den Neuwahlen werden die Gemeinschaftsschulen nur mit den Ressourcen ausgestattet, die auch für andere Integrierte Sekundarschulen gelten. Unter diesen Umständen ist eine Schulentwicklung überaus schwierig. So werden auch die Gemeinschaftsschulen in Berlin nicht weiter gefördert.
Aber das Motto der Schule lautet „Kein Kind beschämen, kein Kind zurücklassen, jedes Kind zählt und verdient Unterstützung“. Wenn das Kollegium der 1. Gemeinschaftsschule Mitte dieses Motto ernst nimmt - und es gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln -, dann ist es auf dem richtigen Weg.
Helge Dietrich
Stellvertretender VBE-Bundesvorsitzender