Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe: Diese alte Weisheit klingt gut, birgt aber die große Gefahr, dass eigentlich immer nur derjenige Recht bekommt, der letztlich auch darüber entscheidet, was denn nun das Gleiche und was dasselbe ist.

Aber der Reihe nach: Es gibt einige Dinge auf dieser Welt, die sind so verworren, dass man sie mit dem normalen Menschenverstand nur schwer begreifen kann. Noch schwieriger ist es aber, diese dann in verständliche Worte zu fassen, um sie dann in klaren und logischen Sätzen einem Dritten so mitzuteilen, dass dieser diese Informationen auch versteht.

Die Rede ist hier nicht von der Relativitätstheorie und der vierten Dimension,  sondern vom Besoldungssystem deutscher Lehrer, das vermutlich weltweit seinesgleichen sucht. - Dass ein Gymnasial-Lehrer in Bayern ein anderes Gehalt hat, als sein Kollege in Hamburg, mag man vielleicht noch verstehen können. Aber dass darüber hinaus jede Schulform ihr eigenes Besoldungssystem aufweist, stößt auch bei wohlwollender Betrachtung dieser Thematik auf Unverständnis. Um diese komplizierte Situation anschaulich zu beschreiben, ist – auch in dieser Zeitschrift – immer wieder davon die Rede, Lehrer würden hierzulande nach der Schuhgröße ihrer Schüler bezahlt.

Wer genauer hinsieht, wünscht sich, wenigstens dieser Vergleich würde stimmen. Denn immerhin hätte man so einen - wenn auch fragwürdigen - Parameter, der für alle Lehrkräfte gleichermaßen gelten könnte.

Für die wirklichen Gründe, warum ein Grundschullehrer weniger verdient als ein Realschullehrer und dieser wiederum weniger als ein Gymnasiallehrer, gibt es staatlicherseits zwar Erklärungsversuche - aber so richtig verstehen kann sie – weniger noch als die Relativitätstheorie - im Grunde genommen kein Mensch. Ist gymnasiales Arbeiten vielleicht einfach gesellschaftlich wertvoller als die Arbeit in den ersten Schuljahren?

Genauso gut könnte man argumentieren, dass Lernen und Erziehung gerade in der Grundschule einen entscheidenden Einfluss auf die spätere Entwicklung der Kinder nimmt, und deshalb gerade hier die am besten ausgebildeten Pädagogen sitzen müssten, - was sich ja dann auch auf dem Gehaltsstreifen niederschlagen müsste. Es gibt Länder, da soll das so sein.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Wie auch immer - man wird den Eindruck nicht los, dass dieser Staat sich in Sachen Lehrerbesoldung seine Realität so zu Recht biegt, wie es ihm gerade ins Konzept passt. Spätestens mit der Verschmelzung von Hauptschule und Realschule in vielen Bundesländern zeigt sich die Brüchigkeit dieses anachronistischen Besoldungssystems.

Denn an die zwar immer wieder gerne (gerade von den sogenannten Genossen) zitierte klassenkämpferische Parole „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, mag man sich bei der Thematik Lehrerbesoldung nicht mehr so gerne erinnern und man hat den Eindruck, der Staat erfindet deshalb die Realität einfach neu - (frei nach dem Motto: La réalité c'est moi!) -  kurzerhand dahingehend, dass zwar die Arbeit gleich sei, wenn ein ehemaliger Hauptschullehrer und ein Realschullehrer in der gleichen Klasse den gleichen Job machen, aber nicht deren Ausbildung - die Tätigkeit wäre also nicht dieselbe.

Die Glaubwürdigkeit einer solchen Argumentationskette ist in der Lehrerschaft ähnlich hoch wie die Aktion eines Limbo-Tänzers, der behauptet, unter einer 40cm hohen Latte durchzutanzen und einfach unterhalb der Latte eine Vertiefung ausgräbt, wodurch er die akrobatische Übung mit Leichtigkeit schafft.

Abgesehen von der juristischen Bewertung dieser Besoldungsdiskrepanz, geht es doch hier im Kern um die Frage: Wie geht dieser Staat mit seinen Bürgern um? Genauso, wie Lehrerinnen und Lehrer ihren Schülern täglich die Grundwerte unserer Gesellschaft wie Fairness, Verlässlichkeit, und Wertschätzung vorleben, erwartet doch jeder genau das auch von seinem Staat – und  nichts anderes.

Wie geht der Staat mit seinen Lehrern um?

Es geht hier nicht um Gleichmacherei. Die Überlegung muss doch sein: Wie gewinnt man die besten Lehrer? Wie motiviert man sie für einen guten Unterricht und wie behält man sie langfristig? Welche Bedingungen schafft der Staat, um hier optimale Ergebnisse zu erzielen? Da Schulen weitgehend staatliche Einrichtungen sind und als Arbeitgeber fast immer Monopolstellung besitzen,  waren dem Staat diese Fragen bisher ziemlich „schnuppe“, zumal durch das Beamtentum Probleme in puncto langfristiger Zusammenarbeit gar nicht erst aufkamen. Im Gegenteil: Durch die Verbeamtung auf Lebenszeit waren Lehrkraft und Schule sozusagen in einer lebenslangen Hass-Liebe-Symbiose verbunden.

Die Gründe für unterschiedliche Beträge auf dem Kontoauszug messen sich bis heute leider nicht an der Qualität des Unterrichts im Klassenraum, sondern nach der Zahl der Dienstjahre und der Schulform.

Im Grunde genommen handelt es sich bei dem unterschiedlichen Besoldungssystem für Lehrer in Deutschland auf der einen Seite um ein Geflecht aus Messgrößen, die nicht mehr in unseren Zeitgeist  passen, auf der anderen Seite um Standesdünkel und  Egoismus.

Dieses System droht aber jetzt zu kippen, weil die Zeiten sich geändert haben. In einer Zeit, in der es möglich war, durch Glasnost Transparenz und Offenheit in ein verkrustetes System zu bringen, in einer Zeit, in der selbst das Finanzamt den Bürgern als Dienstleister transparent gegenüber tritt, ist es eigentlich längst überfällig, dass auch Schule nach innen und außen eine Vorbildfunktion übernimmt: in puncto Fairness, Verlässlichkeit und Wertschätzung – den Schülern, aber insbesondere auch den Lehrern und Lehrerinnen gegenüber. All das beginnt und endet nicht mit einem gerechten Besoldungssystem; aber es ist ein wichtiger Faktor in diesem Prozess.

Das Argument, dass die Länge der Ausbildung letztlich entscheidend sei über die jeweilige Gehaltstufe, sollte dann aber auch für diejenigen Politiker gelten, die über das Gehalt der Pädagogen entscheiden. Verdient ein  Finanzminister mehr als seine Kollegin für Bildung, Arbeit und Soziales? Wohl kaum, wie sollte man das auch rechtfertigen? Vielleicht doch mit einem unterschiedlichen Ausbildungshintergrund?

Aber auf dieses dünne Eis sollten Politiker sich  besser nicht begeben: Quod licet Jovi, non licet Bovi.

Klaus Schmidt
Lehrer an einer Realschule plus

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