Koedukativ oder monoedukativ unterrichten? Das Beispiel Baden-Württemberg

von Edda Langecker

„Gender Mainstreaming wird Leitlinie der Landespolitik“ verkündete das Sozialministerium Baden-Württemberg bereits 2001, um „künftig landespolitische Programme und Projekte auf ihre geschlechtspolitischen Auswirkungen ... zu einem Zukunftsthema für Politik und Wirtschaft, kommunale Verwaltung und freie Träger“ zu machen. 50 Jahre nach Implementierung der Koedukation wird die politische Entscheidung auch Schule verändern.

Bundesweit gibt es aktuell 168 monoedukativ ausgerichtete Schulen, 163 Mädchen- und fünf Jungenschulen. Fast alle befinden sich in katholischer Trägerschaft. Bayern liegt anteilsmäßig vorn (86 Schulen), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (31 Schulen) und Baden-Württemberg (25 Mädchenschulen, die von knapp 11 000 Mädchen besucht werden; reine Jungenschulen sind nicht bekannt) (vgl. Herwartz-Emden/Schurt 2004: 141).[1] Eine Allensbach-Befragung dokumentiert, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland die Geschlechtertrennung im schulischen Bereich ablehnt und einen koedukativen Unterricht bevorzugt (vgl. von Lehn 2007).[2] Die Anzahl monoedukativ unterrichteter Schulklassen bzw. die Anzahl von schulischen Projekten in Baden-Württemberg, ist nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass zahlreiche Schulen in Baden-Württemberg Versuche starteten.

Auch an den Pädagogischen Hochschulen laufen Forschungsprojekte, die sich mit der Thematik befassen, z. T. liegen bereits Ergebnisse vor:

Erstrechnen und geschlechterspezifische Entwicklung von Rechenstrategien
am Schwerpunkt Gender und Mathematik GeM (Prof. Dr. L. Martignon,
Institut für Mathematik und Informatik, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg),
siehe http://www.ph-ludwigsburg.de/3319.html

Erfolge der Implementierung neuer an den Bildungsstandards orientierter Methodologien in Mathematik an der Merzschule (A. Zwölfer im Rahmen der Anfertigung einer Dissertationsschrift, Institut für Mathematik und Informatik, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg),
siehe http://www.ph-ludwigsburg.de/3166.html

Lernen mit neuen Medien - Chancen für Mädchen und Jungen in der naturwissenschaftlichen Ausbildung (Prof. Dr. M. Welzel, Fakultät III Physik, Pädagogische Hochschule Heidelberg)
siehe http://www.phhdforschung.de

 

Im Hinblick auf die Umsetzung des Gender Mainstreaming und die spezielle Förderung von Jungen und Mädchen wurden Ansätze eines genderorientierten Unterrichts im Bildungsplan für Realschulen (2004) verankert:

„Ausgewählte Bücher und Medien mit unterschiedlichen Identifikationsfiguren für Mädchen und Jungen tragen zur Entwicklung einer geschlechtlichen Identität bei.“ (Baden-Württemberg Bildungsplan Deutsch 2004: 49)

„Im Unterricht dieses Fächerverbundes (Anmerkung: Naturwissenschaftliches Arbeiten NWA) eignen sich die Schülerinnen und Schüler der Realschule eine Vielzahl von fachlichen, personalen, sozialen, kulturellen und methodischen Kompetenzen spezifischer und allgemeiner Art an. Diese ermöglichen den Absolventen der Realschule, an der Kommunikation über technische und gesellschaftliche Innovationen teilzunehmen, Argumente auf ihren sachlichen und ideologischen Anteil zu prüfen und Entscheidungen sachgerecht, selbstbestimmt und in ethischer Verantwortung zu treffen. Außerdem sind sie Motivation für den Eintritt in naturwissenschaftlich-technisch orientierte Bildungsgänge oder Berufe. Um Mädchen vermehrt für diese Felder zu gewinnen, sollte der naturwissenschaftliche Unterricht teilweise monoedukativ organisiert sein.“ (Baden-Württemberg Bildungsplan NWA 2004: 84)

„In einem handlungs- und problemorientierten Technikunterricht, der Mädchen und Jungen in gleicher Weise anspricht, (...) ein schülerzentriertes und weitgehend projektorientiertes Vorgehen verwirklicht und vielfältige Unterrichtsverfahren anwendet (...), werden bei den Schülerinnen und Schülern bis zum Ende der 10. Klasse wichtige Kompetenzen gefördert.“ (Baden-Württemberg Bildungsplan Technik 2004: 145)

Wie internationale Schulleistungsstudien belegen, scheinen geschlechtsspezifische Unterschiede insbesondere bei der Lesekompetenz, den Fremdsprachen und MINT-Fächern aufzutreten. In Baden-Württemberg laufen derzeit zahlreiche Projekte zur spezifischen Förderung von Jungen und Mädchen, an denen auch Schulen teilnehmen.

Jungs lesen ander(e)s! führte zu kicken & lesen – zwei Begriffe, die auf den ersten Blick als ungewöhnliche Kombination erscheinen. Die Baden-Württemberg Stiftung und der VfB Stuttgart ermöglichen neuartige Ansätze der Jungenförderung im Bereich Lesen, unterstützen lokale Maßnahmen zur Stärkung der Lese- und Sozialkompetenz sowie der Gewaltprävention bei Jungen. Die Verbindung steht für einen innovativen pädagogischen Ansatz, um Jungen für das Lesen zu motivieren und ihre Lesekompetenz zu erhöhen. Damit wird den Ergebnissen und Forderungen internationaler Schulleistungsstudien im Bereich der Lesekompetenz Rechnung getragen.

Die Vernetzung von lokalen Partnern und die Einbeziehung der Eltern, insbesondere der Väter, ist ein weiteres Anliegen des Projekts. Weitere Informationen unter http://www.kickenundlesen.de

 

Das technische und naturwissenschaftliche Interesse von Mädchen zu wecken und zu vertiefen ist Ziel weiterer Projekte. Frauen und Mädchen sind nach wie vor in den gewerblich-technischen und naturwissenschaftlich Berufen deutlich unterrepräsentiert. Das Interesse für Mathematik, Technik und Naturwissenschaften (= MINT-Fächer) bei Mädchen frühzeitig durch gezielte Maßnahmen zu wecken und nachhaltig zu vertiefen ist für die spätere Gewinnung von Frauen in diese Berufsfelder von grundlegender Bedeutung. Gleichzeitig kann durch die Gewinnung von Frauen dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel entgegengewirkt und mehr Chancengleichheit von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern geschaffen werden.

Partner im Portal sind das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, das Ministerium für Finanzen und Wirtschaft, das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg und das Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Senioren sowie die Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit. Betreut wird die Datenbank von der Koordinierungsstelle „Mädchen und Technik“, die zur Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen in Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung“ des Ministeriums für Finanzen und Wirtschaft und des Wissenschaftsministeriums gehört.
Weitere Informationen unter
www.girls-do-tech.de
www.mint-bw.de
www.schuelerinnen-forschen.de

MoMoTech (= Monitoring von Motivationskonzepten für den Techniknachwuchs) hat das Ziel, die vielfältige und innovative Angebotspalette im MINT Bereich zu systematisieren und eine wissenschaftliche Typologisierung anzulegen. Über 1000 Angebote, die sich an Kinder im Vorschulalter, Schülerinnen und Schüler, Studierende, speziell an Mädchen bzw. jungen Frauen und auch an Pädagogen und Lehrende richten, wurden in einer Datenbank zusammengetragen und analytisch aufbereitet.
Weitere Informationen unter http://www.motivation-technik-entdecken.de/pages/ueber_momotech/

Im Fremdsprachenbereich arbeitet das Landesinstitut für Schulentwicklung (Stuttgart) derzeit an einer "Handreichung zur individuellen Förderung von Jungen und Mädchen im Englischunterricht". Die Handreichung besteht aus einem kurzen theoretischen Teil und einem Teil mit Umsetzungsbeispielen für den Englischunterricht. Im theoretischen Teil wird die Kategorie Geschlecht als ein Aspekt von Heterogenität näher beleuchtet. Die Ergebnisse der DESI Studie (2001) werden zusammengefasst und maßgebliche Studien zur Thematik aus dem angelsächsischen Bereich (v. a. Jo Carr: Boys and foreign language learning. Real boys don´t do languages, 2009) vorgestellt. Insgesamt soll anhand des theoretischen Teils den Lehrkräften die Problematik von Jungen und Mädchen im neusprachlichen Unterricht bewusst gemacht werden und somit die Kompetenzdiagnostik und die didaktische Kompetenz der Lehrkräfte gestärkt werden (gender awareness). Individuelle Förderung bedeutet auch, dass Lehrkräfte das Unterrichtsgeschehen gendersensibel einschätzen können und ihren Unterricht genderbewusst planen und reflektieren können. Die Handreichung versteht sich als ein Beitrag, die Lehrkräfte hierbei zu unterstützen. [3]
Weitere Informationen unter http://www.ls-bw.de/Handreichungen/

Der Landesjugendring Baden-Württemberg führt das Projekt Wir sind dabei - Integration durch soziales Engagement im Auftrag der Baden-Württemberg Stiftung durch. Ziel ist die Förderung des Engagements von jungen Menschen mit Migrationshintergrund und/oder Bildungsbenachteiligung im Alter von 12 bis 26 Jahren. Das Programm richtet sich vorrangig an kleine Projekte, die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Zielgruppen selbst ehrenamtlich durchgeführt werden. Engagement wird direkt gefördert, Jugendlichen werden neue Zugänge zum Engagement geöffnet, sie führen Aktionen für sich und andere durch oder unterstützen durch ihre Aktivitäten Menschen aus dem eigenen Umfeld.
Weitere Informationen unter http://www.ljrbw.de/index.htm?http://www.ljrbw.de/ljr/projekte/interkulturell/integration_engagment.php

Edda Langecker
stellv. Landesvorsitzende
des VBE Baden-Württemberg
vbe-bw(at)edda-langecker.de

 

Weiterführende Literatur:

  • Kansteiner-Schänzlin, K. (2008): Jungenbildung – Mädchenbildung. Koedukative und monoedukative Aspekte zur Bildung von Jungen und Mädchen. In: Collmar, N./  Hess, G. (Hg.): Bildung im Umbruch – Bildung im Aufbruch. Theoretische Einsichten, konzeptionelle Überlegungen und Praxisbeispiele. Stuttgart, S. 50-66.
  • Koch-Priewe, B. (Hg.) (2002): Schulprogramme zur Mädchen- und Jungenförderung. Die geschlechterbewusste Schule, Weinheim

 

[1] aus Herwatz-Emden, Leonie/Schurt, Verena (2004): Die Darstellung von Geschlecht im Alltag einer Mädchenschule – Werkstattbericht aus einem Forschungsprojekt in Bayern, in: Bor, Wilfried (Hg.) (2004): Heterogenität: eine Herausforderung an die empirische Bildungsforschung, Münster, S. 141-163

Koedukativ oder monoedukativ unterrichten? Das Beispiel Baden-Württemberg[3] Diese Information erhielt ich auf Anfrage vom Landesinstitut für Schulentwicklung (Stuttgart).

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