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Zürcher Erklärung zu Schulleistungstests

In Deutschland, in Österreich und in der Schweiz werden zurzeit obligatorische Schulleistungstests geplant oder sie sind bereits realisiert. Offiziell werden sie als Tests zur individuellen Förderung und für die schulinterne Qualitätsentwicklung angepriesen. In Wirklichkeit aber werden diese Schulleistungstests zu einem  Schulranking und möglicherweise gar zu einem Klassenranking führen. Denn viele Tests müssen von den Schulen flächendeckend zum gleichen Zeitpunkt durchgeführt werden. Mit dem immer rigoroser durchgesetzten Öffentlichkeitsprinzip für staatliche Daten lässt sich trotz anderslautender Regelungen ein Schulranking wahrscheinlich nicht vermeiden. Fachleute meinen, dass im besten Fall noch etwas Zeit gewonnen werden kann, bis die ersten Daten auf verschiedenen Ebenen  herausgegeben werden.

Diese schleichende Entwicklung in Richtung vollendete Tatsachen wollen die drei Verbände LCH (Schweiz), GÖD (Österreich) und VBE (Deutschland) nicht hinnehmen. Schulrankings, insbesondere ohne Kenntlichmachung sozioökonomischer Indizes, führen zu einem sinnlosen Wettbewerb, wie das kürzlich durchgeführte Bildungsranking der Bertelsmann Stiftung gezeigt hat. Was können Schulen dafür, wenn sie in sozial benachteiligten Stadtteilen oder ökonomisch schwachen Landesgegenden liegen? Wie sollen Lehrpersonen zur Inklusion und Integration motiviert werden, wenn sie nachher mit durchschnittlich schlechteren Klassenleistungen öffentlich abgestraft werden?

PISA, TIMMS oder Langzeituntersuchungen zu einzelnen Kindern arbeiten mit Stichproben. Dieses Vorgehen verhindert Rankings von Schulen. Trotzdem können die Resultate  wichtige Impulse für die Schulentwicklung geben. Dass sich Lehrpersonen und Schulen mit anderen Kollegien vergleichen können, die unter ähnlichen Bedingungen unterrichten, unterstützen wir ebenfalls. Die Grenzen von Schulleistungsmessungen müssen aber klar gesehen werden: Tests messen immer nur das, was sie messen können, nämlich den überhaupt messbaren momentanen Stand des Lernerfolgs. Je differenzierter ein Themenbereich, je anspruchsvoller eine Leistung, desto schwieriger die Qualifizierung: Wie bewertet man Bewegung, Kreativität, Gestalten, Musik oder soziale Kompetenzen? Schulleistungstests müssen zudem so angelegt sein, dass ein „teaching to the test“ verhindert wird und nicht nur das unterrichtet und gelernt wird,  was sich gut messen lässt. Dies hätte eine Nivellierung zur Folge. Auch muss der Zeitpunkt für Schulleistungstests so gewählt werden, dass die gewonnenen Erkenntnisse zur Förderung der Getesteten genutzt werden können. Im Gegensatz dazu ist es bisher oftmals so, dass solche Tests erst am Ende einer Leistungsperiode oder Schulstufe angesetzt werden und damit kein Nutzen für die offiziell propagierte individuelle Förderung entstehen kann.

Die drei Verbände VBE, GÖD und LCH fordern daher, Leistungstests in Schulen mittels Stichproben und unterschiedlichen Zeitpunkten so einzusetzen, dass Schulrankings gar nicht möglich sind. Tests für einzelne Schülerinnen und Schüler sollen ausschliesslich der individuellen Förderung dienen. Lehrerinnen und Lehrer müssen heute komplexe und anspruchsvolle Bildungsaufgaben bewältigen. Sie brauchen endlich die dafür nötigen Instrumente und Rahmenbedingungen zur individuellen Förderung und keine Rankings.


Zürich, 31. Januar 2012

 

Paul Kimberger
Bundesvorsitzender, Pflichtschullehrer/innengewerkschaft, Öffentlicher Öffentlicher Dienst (GÖD),

Beat W. Zemp
Zentralpräsident, LCH Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH)

Udo Beckmann
Bundesvorsitzender, Verband Bildung und Erziehung (VBE)

 

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