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Zukunft für Kinder!

 

Resolution des VBE Bundesvorstandes vom 29. November 2003

 

Zukunft für Kinder!

Grundschule als festes Fundament der Bildung

 

 

Im internationalen Vergleich liegen die Leistungen der deutschen Schülerinnen und Schüler nur im unteren Mittelfeld. Hierfür gibt es unterschiedliche Ursachen. Anders als die Schulsysteme anderer Staaten hat das deutsche offensichtlich besonders bei der Förderung von Kindern aus einfacher bis niedriger sozialer Herkunft Probleme. Nach wie vor entscheidet beim Schulsystem in Deutschland die soziale Herkunft weitgehend über Schulleistungen und Bildungsweg. Soziale Schranken wirken sich im Schulsystem nachteilig auf den Lernerfolg aus. In keinem anderen Industrieland ist Schulerfolg so stark von sozialer Herkunft abhängig wie in Deutschland. Wenn das laut PISA auf die 15jährigen zutrifft, so ist eine Veränderung nur zu erreichen, wenn die Grundschule stärker als bisher als Ort der Basisbildung anerkannt und gestärkt wird.

 

Bei der Finanzierung liegt das deutsche Bildungssystem zwar nur knapp unter dem OECD-Durchschnitt, die Mittel werden aber in Deutschland ungerechter als in anderen Ländern verteilt. Vor allem die Unterschiede zwischen dem Primarbereich und dem Sekundarbereich II sind eklatant. Während Deutschland z. B. 2001 pro Schüler im Primarbereich 3.531 $ ausgab, wurden im OECD-Durchschnitt 3.940 $ investiert. In der Sekundarstufe I lag Deutschland ebenfalls hinter den Investitionen in anderen Ländern. Während es hierzulande 4.641 $ waren, waren es im OECD-Durchschnitt 5.083 $. Dagegen lagen die finanziellen Mittel, die Deutschland für die Sekundarstufe II und den Hochschulbereich zur Verfügung stellte, weit über den Investitionen anderer Länder. Für den Sekundarbereich II gab Deutschland pro Schüler 9.519 $ (OECD-Durchschnitt 5.916 $) und im Hochschulbereich pro Student 9.481 $ (OECD-Durchschnitt 9.063 $) aus.

 

Durch die Einschulungsregeln (Schulbeginn mit sechs Jahren, Stichtag 30. Juni eines jeden Jahres), durch einen Einschulungstermin mit der Möglichkeit der Zurückstellung (12% eines Jahrgangs) und durch die Selektivität des Schulwesens (24% Wiederholer) verteilen sich die deutschen 15jährigen auf die Klassen fünf, sechs, sieben und acht (15,9 %), neun (60,5 %) bzw. zehn (23,5 %). Nur 0,1% sind in elf, zwölf oder dreizehn. In Großbritannien dagegen sind es 66,3%. Und im Jahrgang zehn sind es 33,7%.

 

 

Eine andere Ursache ist ein allgemein zu spät einsetzender systematischer Bildungs- und Erziehungsprozess, für den Elternhaus, Elementar- und Primarbereich des Bildungssystems entscheidend sind. Die Kinder werden häufig erst mit sechs Jahren in der Schule mit der geschriebenen Sprache, mit Zahlen und naturwissenschaftlichen Phänomenen konfrontiert, obwohl sich die Voraussetzungen für diese Lernbereiche über die ganze Vorschulzeit hinweg entwickeln und die Kinder daran Interesse haben. So korrelieren zum Beispiel mathematische Kompetenzen am Beginn der Kindergartenzeit relativ hoch mit Mathematikleistungen am Ende der Klasse zwei, und diese wiederum mit den Testergebnissen am Ende der Klasse fünf.

 

Durch den mindestens zweimaligen Wechsel der Institution im Alter von drei bis zwölf Jahren werden die Chancen erfolgreichen Lernens in Verbindung mit rechtzeitiger Diagnose und individueller Förderung für zu viele erschwert. Die minimale Folgerung daraus ist die Verzahnung von Elementar- und Grundschulerziehung, die Zusammenarbeit von Erzieherinnen und Erziehern einerseits und Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern andererseits mit Unterstützung von Sozialpädagogen und Sonderpädagogen in einer neu gestalteten Schuleingangsphase für alle Kinder ab dem 5. Lebensjahr. Dadurch wird in der Grundschule eine Diagnose-, Förder- und Evaluationskultur etabliert, mit der zum Beispiel auch Benachteiligungen wegen sozialer Herkunft oder Migration begegnet werden kann. Zugleich erhält man die dringend notwendige Zeit und Kompetenz für begabungsgerechte und individuelle Förderung. Diese ganzheitliche und entwicklungsorientierte Sichtweise muss mehr und mehr auch folgende Probleme umfassen:

 eine fachlich fundierte Kompetenz zur Gestaltung prozessimmanenter Diagnostik (Forderung für Aus- und Fortbildung)

 eine umfassende Beratungskompetenz für den Umgang mit Schülerinnen und Schülern und Eltern

 in hohem Maße die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen Lehrkräften und außerschulischen Institutionen.

 

Damit ist die Grundlage für die Erstellung individueller, auf Stärken und Schwächen des Einzelnen abgestimmter Förder- und Trainingsprogramme, die ständig zu evaluieren sind, geschaffen.

 

 

Daher fordert der VBE den Pflichtbesuch einer Bildungseinrichtung für alle Fünfjährigen:

 die Verzahnung von Teilen des Elementarbereichs und der ersten Klasse der Grundschule zu einer Schuleingangsphase,

 die Förderung des kumulativen Lernens in einer Schuleingangsphase neuen Typs,

 die Einrichtung dieser Schuleingangsphase an der Grundschule,

 die Schaffung dieser Schuleingangsphase in Form einer jahrgangsgemischten Klasse, in der Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer sowie Sozial- und Sonderpädagogen zusammenarbeiten.

 

Diese neue flexible Schuleingangsstufe nach dem Modell der Starterklasse bietet folgende Vorteile:

 Zurückstellungen werden vermieden.

 Die Lernfähigkeit in dieser Entwicklungsphase wird genutzt.

 Defizite und Probleme können früher diagnostiziert und durch gezielte Förderung, z. B. Sprachförderung für Kinder mit Migrantenhintergrund, behoben werden.

 Ein systematischer Bildungs- und Erziehungsprozess setzt früher ein.

 Schnelllernern wird die Chance geboten, in die Klasse zwei aufzusteigen.

 Zwei jährliche Einschulungstermine und die Flexibilisierung der Verweildauer zwischen einem und drei Jahren.

 

Damit die Anforderungen einer flexiblen Schuleingangsphase nicht zu einer Überforderung von Kindern, Eltern und Pädagogen führen, müssen pädagogische Konzepte, entsprechende personelle, räumliche und sächliche Mittel sowie Zeit für eine fundierte Umsetzung zur Verfügung gestellt werden.

 

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