Stellungnahme
des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zu den Entwürfen der Fachkommissionen der Kultusministerkonferenz (KMK) für Bildungsstandards des Primarbereiches und des Hauptschulabschlusses
1. Allgemeines
Der VBE begrüßt die neuen Entwürfe der KMK für Bildungsstandards des Primarbereiches und des Hauptschulabschlusses als Beitrag zur Qualitätsentwicklung im deutschen Bildungssystem. Sie sind ein sichtbares Zeichen dafür, dass im deutschen Bildungssystem ein Umdenkungsprozess in Gang gekommen ist. Sie können eine Orientierung für Lehrerinnen und Lehrer sein und haben Aufforderungscharakter für Schulen und Länder. Bildungsstandards dürfen deshalb nicht als Kontrollinstrument missverstanden werden. Sie sind vielmehr ein Mittel, um den eigenen Unterricht einzuschätzen.
Der VBE ist allerdings der Auffassung, dass Bildungsstandards nur dann wirklich sinnvoll sind, wenn nicht nur überprüft wird, sondern auch klare Hinweise zur Förderung der Schülerinnen und Schüler gegeben werden. Das wiederum setzt voraus, dass die dazu notwendigen Ressourcen wie ausreichende Unterrichtsversorgung, Sachmittelausstattung, Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer und weitere Unterstützungssysteme gesichert sind. Dieser Anspruch ist bislang nicht erfüllt.
Der VBE ist auch der Auffassung, dass für die Implementation von Bildungsstandards und deren Weiterentwicklung die Lehrerinnen und Lehrer gewonnen werden müssen. Veränderungen von Schule sind nicht auf dem Verordnungswege über die Köpfe von Lehrerinnen und Lehrern hinweg zu erreichen. Lehrerfortbildungseinrichtungen, Universitäten, Schulaufsicht, Schulleitungen und Verbände erhalten im Prozess der Umsetzung eine neue Aufgabe.
Noch herrscht in den Schulen vielfach Unsicherheit darüber, was die Bildungsstandards, bereits verabschiedete wie auch demnächst zu erwartende, für Unterricht und Erziehung in den Schulen konkret bedeuten.
Bildungsstandards müssen ergänzt werden um Maßnahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung, um Maßnahmen zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Unterstützungsbedarf und durch entsprechende Inhalte in der Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung.
Die vorliegenden Entwürfe für Bildungsstandards der Primarstufe und des Hauptschulabschlusses hinsichtlich der Kompetenzen, der Standards, der Anforderungsbereiche und der Aufgabenbeispiele sind insgesamt stringent, logisch aufgebaut und im Sinne der Bildungsidee angemessen. Gemessen an der Realität des heutigen Leistungsniveaus der Klasse 9 sind die Entwürfe für den Hauptschulabschluss allerdings auf einem sehr hohen Niveau. Die in den Hauptschulen tätigen Kolleginnen und Kollegen hegen die Befürchtung, dass derart anspruchsvoll formulierte Bildungsstandards bei allzu vielen Schülerinnen und Schülern zu Misserfolgserlebnissen führen könnten. Bezogen auf die Ausführungen zum Fach Deutsch (Hauptschulabschluss) zeigt sich unserer Meinung nach an einigen Punkten eine Disparität zwischen Standards, Kompetenzen und Anforderungsbereichen einerseits sowie Aufgabenbeispielen andererseits.
Durch die Einführung von Standards am Ende der Primarstufe und für den Hauptschulabschluss werden sich Probleme auf drei Ebenen ergeben:
1. Eine Veränderung des Unterrichts weg von einer Wissensorientierung hin zum Kompetenzerwerb (Literacy);
2. eine notwendige Veränderung der Unterrichtsmedien (Schulbücher, Lernsoftware, Veranschaulichungsmodelle,...), die im Sinne von oben genanntem Unterricht noch unzureichend sind;
3. eine generelle Diskussion über die Bedingungen von Unterricht (Voraussetzungen der Schüler, Bildungsaspirationen, Anstrengungsbereitschaft, Nutzung der Lernzeit, Wertschätzung der Schule).
Die Bildungsstandards für die Primarstufe, insbesondere aber für den Hauptschulabschluss, sind nach Meinung des VBE geeignet, eine Diskussion auf breiter Ebene neu anzuregen. Dabei ist nicht auszuschließen, dass auf Seiten von Lehrern, Eltern und Schülern erhebliche Unsicherheiten entstehen. Trotzdem ist der VBE der Meinung, dass damit eine notwendige Bildungsdiskussion eingeleitet wird. Eine neuerliche Beschäftigung mit Fragen der Schulstruktur im Bereich der Sekundarstufe I ist daraus eine logische Konsequenz.
2. Zu den einzelnen Entwürfen
2.1 Primarstufe
2.1.1 Mathematik
Begrüßt wird, dass im Mathematikunterricht der Grundschule zwei Kompetenzbereiche eine wesentliche Rolle spielen: allgemeine mathematische Kompetenzen und inhaltsbezogene Kompetenzen. So werden im Mathematikunterricht Vorgehensweisen entwickelt und gefördert, die über dieses Fach hinaus von Bedeutung sind. Es ist wichtig, dass Mathematiklernen nicht nur auf die Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten reduziert wird, sondern die Bedeutung der allgemeinen mathematischen Kompetenzen zur Förderung der Selbstständigkeit und mathematischen Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler genutzt wird.
Allgemeine mathematische Kompetenzen sind demnach in den Bildungsstandards:
- Strategien finden
- kommunizieren, beschreiben
- Zusammenarbeit mit Mitschülern
- Darstellungsmöglichkeiten entwickeln
- Kontrollverfahren nutzen
- in Sachzusammenhängen denken.
Die Beschreibung der Standards unterstützt, dass Anwendungs- und Strukturorientierung zentrale und eng miteinander verknüpfte Unterrichtsprinzipien sind. Die Auswahl der Standards für die inhaltsbezogenen mathematischen Kompetenzen konzentriert sich auf die Grundideen der Arithmetik, der Geometrie und des Sachrechnens. Die ausgesuchten Aufgabenbeispiele sind als exemplarische Modelle zum Aufzeigen der Bandbreite von Handlungsmöglichkeiten auf unterschiedlichem Niveau geeignet. Sie greifen auch die Verknüpfung der Leitideen wieder auf, indem sie Standards aus zwei oder mehreren Bereichen erfordern.
Die drei Anforderungsbereiche beschreiben differenziert die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Lernmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler. Die zugeordneten Aufgabenbeispiele zeigen einen angemessenen Schwierigkeitsgrad.
2.1.2 Deutsch
Die beschriebenen Kompetenzbereiche und die Standards zu deren Konkretisierung nutzen die vorhandenen sprachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler als Ansatzpunkte für die weitere systematische Sprachentwicklung. Besonders positiv ist, dass die Beherrschung der Sprache als wichtigste Grundlage für den Schulerfolg bezeichnet wird, Sprache als „Medium des Lernens“ in allen Fächern. Die beschriebenen Regelstandards sind angemessen bezogen auf Alter und Leistungsvermögen der meisten Schülerinnen und Schüler. Zum intuitiven Sprachhandeln tritt in dieser Sprachentwicklungsphase vor allem der bewusste Umgang mit Sprache. Sprachliches Handeln bedarf außerdem herausfordernder Situationen sowie wirklicher Anlässe.
Die angeführten Aufgabenbeispiele tragen als exemplarische Modelle diesen Kriterien Rechnung, da sie Alltagserfahrungen der Schülerinnen und Schüler, bisherige und neue Sacherfahrungen, fantasievollen Umgang mit der Sprache sowie kulturelle Traditionen aufgreifen. Die Auswahl und Anzahl der ausgesuchten Aufgabenbeispiele zeigt deutlich die Komplexität des Faches Deutsch. So sind z. B. Aufgaben zum Kompetenzbereich Sprechen/Zuhören wesentlich geringer (2 Beispiele) als zum Bereich Schreiben, obschon der mündliche Sprachgebrauch einen wesentlich höheren Anteil im Umgang mit Sprache ausmacht.
Andererseits ist positiv hervorzuheben, dass sie meistens integrativ angelegt sind und nur Schwerpunktsetzungen beinhalten. Die drei definierten Anforderungsbereiche, die als Orientierungsrahmen gelten, beschreiben angemessen und differenziert, was von den Schülerinnen und Schülern gefordert wird. Diese Standards sind nur durch individualisierende und eigenverantwortliche Formen des Lernens und sichernde Übungsformen zu erreichen.
Offen bleibt, wie die Wertigkeit der Kompetenzbereiche zur Leistungsbewertung herangezogen werden soll. Besondere Berücksichtigung sollten auch geschlechtsspezifische Aufgabenstellungen bei Textsorten, Gesprächsanlässen und Unterrichtsinhalten finden.
2.2 Hauptschulabschluss
Der VBE begrüßt, dass bei den Bildungsstandards für den Hauptschulabschluss ein umfassender Bildungsbegriff vorausgesetzt wird.
2.2.1 Deutsch
Als vorteilhaft sieht es der VBE an, dass die Freude am Lesen betont wird. Positiv ist auch, dass die Formulierung von Standards, Kompetenzen, Anforderungsbereichen und Aufgabenbeispielen Aufforderungscharakter für alle Lehrerinnen und Lehrer haben wird.
Einzelne Aufgabenstellungen sind dabei allerdings nicht stimmig. Diese Einschätzung betrifft zum Beispiel die Aufgabe, die sich mit der Abrechnung von Mobilfunkkosten beschäftigt. (S. 24-26) Hier ist unklar, was die Schülerinnen und Schüler im einzelnen leisten sollen.
2.2.2 Englisch
Die Auswahl der funktionalen kommunikativen Kompetenzen zeigt, dass Sprachhandlungsorientierung noch deutlicher in den Mittelpunkt des schulischen Fremdsprachenlernens gerückt ist. Erfreulich ist hier insbesondere der klare Hinweis auf die methodischen Kompetenzen, die es zu erwerben gilt. Insgesamt kann festgehalten werden, dass zunächst einmal alle bedeutsamen Bereiche des Faches berücksichtigt werden, d.h. die Schülerinnen und Schüler erfahren im Rahmen ihrer fremdsprachlichen Ausbildung eine Basisqualifizierung, die ihnen die Teilnahme an Kommunikation (in alltagsrelevanten Situationen) in der Zielsprache mit Einschränkungen (sofern deutlich und langsam gesprochen wird, etc) ermöglicht.
Diese deutlichen Bekenntnisse zu dem, was Schülerinnen und Schüler der angesprochenen Schulform real zu leisten in der Lage sind, sind überzeugend.
Die Schülerinnen und Schüler erwerben aber auch Methoden, die selbstgesteuertes Lernen ermöglichen. Der Fremdsprachenlehrer kann sich am geforderten Output orientieren, der in allen Bereichen einen erfreulich deutlichen Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler im Alltag hat. Die gut verständliche Sprache tut ein übriges, wenn es um die überzeugende Vermittlung von Zielen für die entsprechende Zielgruppe geht.
Die Aufgaben selber, die alle ‚skills’ abdecken, orientieren sich an der modernen Fremdsprachendidaktik. Sie sind erfüllbar, wenn im Unterricht ein entsprechendes Fremdsprachenlernen möglich wird. Die vorgelegten Standards sind zweckmäßig, ansprechend zusammengestellt, didaktisch akzeptabel und abprüfbar.
2.2.3 Mathematik
Die wichtigsten Lernbereiche bis zur Klasse 9 sind angemessen repräsentiert. Allenfalls der im Stoffplan der Klassen 7 bis 9 umfassende Bereich der „Zuordnungen“ wird nur wenig berücksichtigt; insbesondere fehlen Aufgaben zur Produktgleichheit von Größenpaaren (antiproportionale Zuordnungen) völlig.
Es handelt sich um sehr anspruchsvolle Aufgaben, die wahrscheinlich Hauptschüler in Klasse 9 überfordern, vor allem bei den Aufgaben im Anforderungsprofil II und III.
Die Aufgabenbeispiele zur Wahrscheinlichkeitsrechnung tauchen in vielen Minimalplänen der Hauptschulen nicht mehr auf.
Berlin, 28. Mai 2004