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28.03.12 17:28

Am Gymnasium hat Sitzenbleiben Konjunktur


Obwohl die Praxis aus Sicht  des BLLV-Präsidenten Klaus Wenzel überholt, kostspielig und unsinnig ist, hält das Kultusministerium daran fest

München - Fast die Hälfte aller Schüler an den bayerischen Gymnasien muss im Laufe ihrer Gymnasialkarriere mindestens eine Klasse wiederholen oder gar auf eine andere Schulart wechseln. Die amtlichen Schulstatistiken zeigen, dass die Zahl derjenigen, die das Klassenziel nicht erreicht haben, im Vergleich der Schuljahre 2009/10 und 2010/11 um fast 1.000 auf 13.250 (3,4%) gestiegen ist. Faktisch wiederholten 2010 rd. 9.000 Schüler die Jahrgangsstufe „freiwillig“ oder weil ihnen das Vorrücken verwehrt war. 11.800 Schüler wechselten in andere Schularten oder in eine Berufsausbildung. Diese insgesamt 20.800 Schüler machen 5,4% aller Gymnasiasten aus. Weitere rund 2.800 Schüler (0,7%) wechselten auf Fachoberschulen oder eine andere Schule, zum Beispiel im Ausland. Die Zahl der Schüler, die das Gymnasium verlassen oder eine Jahrgangsstufe in einem Jahr wiederholen, beläuft sich damit auf rund sechs Prozent. „Bei einer Schulzeit am Gymnasium von acht  Jahren summiert sich dies auf 48%. „Die Zahlen sind alarmierend hoch“, erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München. „Sitzenbleiben und Klassenwiederholungen haben an Bayerns Gymnasien Konjunktur.“ Er forderte, die Praxis zu überdenken - „am besten, sie wird abgeschafft.“ Eine Schulart, in der die Schüler so massiv von Wiederholung und Abschulung betroffen seien, sei dringend reformbedürftig. Leider drehe sich bei der Diskussion um die Zukunft des bayerischen Gymnasiums nach wie vor alles um Quantität, nicht aber um Qualität.

Das Sitzenbleiben führe den Betroffenen persönliches Versagen vor Augen und sei pädagogisch äußerst fragwürdig. Schüler empfänden es als demütigend, sie würden aus dem Klassenverband gerissen und müssten alle Fächer wiederholen - auch die, die sie erfolgreich absolviert hätten. Gymnasiallehrer würden zudem gefrustet und verärgert, „denn sie werden in eine Rolle gedrängt, die ihrem pädagogischem Selbstverständnis nicht entspricht.” Für den BLLV-Präsidenten eine überholte, kostspielige und unsinnige Praxis. „Das Geld sollte stattdessen für tatsächlich individuelle Förderung von Schülern ausgegeben werden.“

Mit dieser Forderung steht er nicht allein da - erst im Februar hatte die OECD Deutschland empfohlen, Klassenwiederholungen gänzlich abzuschaffen, ebenso die zu frühe Verteilung von Schülern auf verschiedene Schularten. Im  „Chancenspiegel”, den das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zusammengestellt hat, heißt es, dass in Bayern 4,5 Prozent aller Schüler ein Schuljahr wiederholen, in Baden-Württemberg, Brandenburg, Sachsen oder Schleswig-Holstein sind es im Schnitt nur 1,7 Prozent der Schüler.

Ehrenrunden ziehen erhebliche soziale und damit gesellschaftliche Probleme nach sich. Sie sind zudem mit hohen Kosten für den Staat verbunden. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2009 beziffert die Kosten auf knapp eine Milliarde Euro, die deutsche Bundesländer jährlich für Klassenwiederholungen ausgeben - mit eingerechnet wurden hierbei allerdings auch die Kosten für die freiwilligen Klassenwiederholer. Auch davon gibt es an bayerischen Gymnasien genug: Im vergangenen Schuljahr wiederholten 2.370 Schüler eine Klasse „freiwillig“. „Die freiwillige Wiederholung ist unsinnig“, sagte Wenzel. Sie sollte die Ausnahme sein, etwa dann, wenn ein Schüler schwer erkrankt sei. Weitere 2.250 Schüler, die aus der Jahrgangsstufe 5 der Mittelschule oder der Jahrgangsstufe 10 der Realschule kamen, wiederholten nach dem Wechsel auf das Gymnasium die Jahrgangsstufe. „Der Preis der geringen Durchlässigkeit des bayerischen Schulsystems muss von den Schülern mit einer Verlängerung der Schulzeit bezahlt werden. Das führt zum einen vor Augen, welch absurde Blüten der Auslesedruck im Gymnasium treibt, zum anderen, wie starr und unflexibel das bayerische System der Schularten ist.“ 

Anstatt veraltete Rituale wie Sitzenbleiben und Klassenwiederholen zu pflegen, sollte dringend über eine inhaltliche Reform des Gymnasiums nachgedacht werden, forderte der BLLV-Präsident. Auch die aktuelle Diskussion um die Zukunft des Gymnasiums beschäftige sich lediglich mit quantitativen Fragen, nicht mit qualitativen. „Anstatt über die Länge der Gymnasialzeit zu streiten und fragwürdige Instrumentarien wie ein Intensivierungsjahr einzuführen, müssten viel dringender der bestehende Lern- und Leistungsbegriff neu reflektiert und definiert, die Lehrpläne überarbeitet und der starre 45-Minuten-Takt aufgelöst werden“, bekräftigte Wenzel. „Es gibt bereits gute Ansätze und einige wenige Schulen machen sich innerhalb dessen, was möglich ist, auf den Weg.“ Was fehle, sei aber die wirksame Unterstützung vom Kultusministerium, denn nur so könnten Veränderungen in der Breite umgesetzt werden. Es fehlten zudem ausreichend Personal, Zeit und vor allem rhythmisierte Ganztagsangebote. Der vergangene Woche angekündigte Ausbau von gebundenen Ganztagsklassen sei ein Schritt in die richtige Richtung, greife aber zu kurz.

Wenzel appellierte an das Bayerische Kultusministerium, die Empfehlungen der OECD aufzugreifen. „Mit Sitzenbleiben und freiwilligen Klassenwiederholungen ist niemandem geholfen. Das viele Geld ist zudem schlecht angelegt, zumal Sitzenbleiben pädagogisch wirkungslos ist.“ Mit der Lebenszeit, dem Entwicklungspotenzial der Kinder und mit den öffentlichen Mitteln dürfe nicht länger so gedankenlos umgegangen werden. Letztlich stelle sich jedoch die Frage nach der Effizienz eines Bildungssystems, das Schüler ständig um- und aussortiert, viel Geld verschlingt und junge Menschen frustriert.


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