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25.04.12 14:17

Übertrittsdruck vergiftet Atmosphäre an Schulen


An vielen Grundschulen ist die Stimmung derzeit überaus gereizt / BLLV-Präsident Wenzel: „ Der Übertrittsdruck bringt immer öfter Eltern gegen Lehrer auf“ 

München - In der Rechtsabteilung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) steht das Telefon nicht mehr still. Seit Wochen melden sich aus allen Teilen Bayerns Grundschullehrkräfte, die mit ihren Nerven am Ende sind. Der Grund: Der Übertrittsdruck nimmt bizarre Formen an. Immer öfter werden Eltern aggressiv bis ausfallend, wenn sich abzeichnet, dass ihr Kind den Sprung auf ein Gymnasium nicht schafft. Viele schlagen den Rechtsweg ein und zweifeln die Noten ihrer Kinder an. „Die Atmosphäre ist vergiftet“, schildert Hans-Peter Etter, der seit vielen Jahren die BLLV-Rechtsabteilung leitet. Lehrkräfte wendeten sich immer öfter an ihn, weil sie mit der Situation nicht fertig würden. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Anzahl der Fälle vervierfacht.“ Für Lehrkräfte bedeute dies, dass jede Note, jede Bewertung, jeder Test nach allen Seiten überprüfbar und letztlich auch unanfechtbar sein müsse. „Im Vordergrund stehen Absicherungsbemühungen gegenüber den Eltern und nicht die Bedürfnisse der Kinder. Sie leiden unter solchen Auseinandersetzungen und geraten nicht selten in einen Loyalitätskonflikt.“ Kinder in diesem Alter hätten in der Regel ein gutes und auch intensives Verhältnis zu ihrer Lehrkraft. Durch solche Kämpfe werde nicht nur Vertrauen zerstört, auch die Lernmotivation gehe verloren. Meistens setze sich der Konflikt an der weiterführenden Schule fort. Viele Kinder würden davon krank. BLLV-Präsident Klaus Wenzel forderte ein Ende dieser absurden Entwicklung.

Unzählige Erlasse, Verfügungen und kultusministerielle Schreiben erzeugten Verdrossenheit und störten den Schulalltag mehr als sie nutzten. „Die eigenverantwortliche Schule wird konterkariert“, fasste Etter zusammen. Allein beim Übertritt ermöglichten vorgeschriebene Rahmenbedingungen Beschwerden, Anfechtungen, Widersprüche bis hin zu Klagen vor dem Verwaltungsgericht: Hat sich die Schule an alles gehalten? Wurden die Proben angekündigt? Wie lange vorher war die Ankündigung erfolgt? Wurden an einem Tag zwei Proben geschrieben? Hat die Schule Probe freie Phasen eingehalten? Waren diese den Eltern vorher bekanntgegeben? Hat man sich bei der Anzahl der Proben an die Richtwerte des Ministeriums gehalten? „Die Liste könnte beliebig erweitert werden. Sie zeigt, unter welchen juristischen Bedingungen Schule heute stattfindet“, beschrieb Etter.

Seit Jahren weist der BLLV immer wieder auf die besonders schwierige Situation an Grundschulen hin. Die Schulart leidet unter dem massiven Übertrittsdruck. Reformen laufen vielfach ins Leere, zum einen fehlt Personal für eine effiziente Umsetzung, zum anderen ändert sich nach der vierten Klasse ohnehin alles: die Kinder werden auseinandergerissen und auf verschiedene Schultypen verteilt.

„Wir wissen längst, dass die Grundschulzeit für viele Kinder zu kurz ist, um Defizite auszugleichen“, sagte Wenzel. „Häufig helfen gut situierte Eltern schon bei acht- und neunjährigen Kindern mit privat finanzierter Förderung nach, diejenigen, die es sich leisten können, schicken ihr Kind auf Privatschulen. Sozial schlechter gestellte Kinder bekommen diese Förderung nicht. Das ist auch der Grund, warum in Bayern die Bildungsungerechtigkeit am größten ist.“ Wenzel  will den Eltern keinen Vorwurf machen. „Sie wollen das Beste für ihr Kind und wissen, dass es mit hohen  Bildungsabschlüssen bessere Chancen auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt hat.“ Leider würden sie aber übersehen, dass sie damit ihrem Kind mehr schaden als nutzen. „Weil die meisten Eltern in dem Besuch eines Gymnasiums den Königsweg sehen, setzen sie ihr Kind einem jahrelangen Leidensweg aus.“ Scharfe Kritik übte Wenzel vielmehr am Kultusministerium: „Dort weiß man sehr genau, was sich an den Grundschulen abspielt. Offenbar wird es aber in Kauf genommen, um an einer veralteten Schulstruktur festhalten zu können.“ Letztendlich seien alle Beteiligten - Schüler, Eltern und Lehrer - Opfer eines Schulsystems, das zu früh aussortiert und zu spät fördert. „Eltern sollten dafür nicht die Lehrkräfte verantwortlich machen, sondern die zuständigen Politiker. Sie sollten sich bewusst machen, dass Lehrkräfte Zwängen ausgesetzt sind und Kinder verteilen müssen, obwohl sie das nicht wollen.“ Den Druck vermindern könnte in einem ersten Schritt die Freigabe des Elternwillens, „nach eingehender Beratung durch die Grundschullehrkraft.“

Der BLLV-Rechtsexperte wies darauf hin, dass sich Lehrkräfte zwar eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule wünschten, diese aber immer öfter belastet sei: „Meistens ergeben sich Probleme aus einer überkritischen Haltung der Eltern in allen Bereichen von Schule, Unterricht und Erziehung, vor allem dann, wenn die Leistungen des Kindes zu wünschen lassen bzw. der Übertritt gefährdet ist.“ Erziehungsberechtigte reichten Beschwerden ein, beauftragen einen Rechtsanwalt oder erstatten Dienstaufsichtsbeschwerde oder gar Anzeige. „Solche Streitigkeiten belasten sehr und können auf beiden Seiten Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen.“ Etter appellierte an Eltern, in der Lehrkraft nicht automatisch den Schuldigen zu suchen, wenn es Probleme mit den Leistungen des Kindes gebe. „Ich würde mir Gespräche auf Augenhöhe wünschen, in denen es um das Wohl des Kindes geht.“ Er rechne jedoch damit, dass zur Herausgabe der Übertrittszeugnisse am 2. Mai die Rechtsabteilung verstärkt mit Anfragen zu den Regularien einer Zeugnisanfechtung konfrontiert werde - „ein Übertrittszeugnis ist ein anfechtbarer Verwaltungsakt."   

An Lehrerkollegen gewandt richtete Etter den Appell, kritische Selbstreflexion zu betreiben. Der Umgang mit Elternkonflikten gehöre selbstverständlich auch zur Professionalität des Lehrerberufes. Lehrer/innen müssten darauf aber besser vorbereitet werden. Er schlug daher vor, die Elternarbeit noch mehr in der Lehrerbildung zu verankern: „Lehrkräfte müssen wissen, wie sie die Schärfe aus Konflikten nehmen, konstruktive Dialoge führen und Verständnis für meist sehr subjektive Elternsorgen aufbringen können. Sie brauchen auch solide schulrechtliche Kenntnisse."


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