Kinder in Not – Wir müssen über die Kinder sprechen!

Bildungsverlierer brauchen Unterstützung! – Professionelle Netzwerke wichtiger denn je

Lockdown, Distanzunterricht, Gesundheitsschutz, Mehrfachbelastung der Kolleginnen und Kollegen und Eltern, Leistung, Prüfungen, Noten, Abschlüsse und was noch alles diskutiert wird!

Aber was ist mit den Kindern?

Es werden zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die Versäumnisse der letzten Jahre in der digitalen Ausstattung der Schulen abzumildern, damit sie nicht durchs digitale Netz fallen. Aber ist das alles, was es braucht? Nein, es ist nicht einmal die halbe Miete!

Die meisten dieser Kinder sind trotz der digitalen Welt verloren.

Wir, als Profis für Bildung und Erziehung wissen, was ein wesentliches Fundament von guter Bildung ist: Die Beziehung, das soziale Miteinander und der ganzheitliche Kontakt zwischen uns Lehrkräften und den Kindern.

Bildung mit Kopf, Herz und Hand: Dieser ganzheitliche Bildungsbegriff gewinnt in der Corona-Pandemie mehr denn je an Bedeutung und auch Brisanz. Gerade die Kinder, die uns Lehrerinnen und Lehrer eben als ganzen Menschen – vom kleinen Zeh bis zur Haarspitze –brauchen, vermissen uns jetzt im Distanzunterricht am allermeisten. Sie waren es, die leider immer schon aufgrund der sozioökonomischen Hintergründe und der suboptimalen Bedingungen an Schule, wie zu großer Lerngruppen oder fehlender individueller Förderung, häufig Bildungsverlierer waren. Und sie sind es nochmal mehr, wenn Schule als Distanzangebot stattfindet.

Diesen Kindern fehlt:

  • Der ganzheitliche Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern: das Zuhören und das Nachfragen, das Helfen und Unterstützen und v. a. das individuelle Motivieren;
  • Das gemeinsame Lernen im Klassenzimmer: die Mitschülerinnen und Mitschüler, die zusammen im Unterricht lernen, sich gegenseitig unterstützen und anregen;
  • Das morgendliche Ankommen, der Erzählkreis, die Gruppenarbeit, das Fußballspielen in der Pause, das gemeinsame warme Mittagessen, das gemeinsame Spiel in der Mittagsbetreuung, das kreative Miteinander und die sozialen Kontakte in der Schule;
  • Die Tagesstruktur: das morgendliche Aufstehen, der gemeinsame Schulweg, das Schulfrühstück mit anderen, der rhythmisierte Unterrichtsablauf, die Pausen, das Mittagessen, der Nachmittag mit Hausaufgaben im Ganztag, der Heimweg;
  • Die umfassende, stabile und professionelle Ausstattung für den Distanzunterricht: die Endgeräte für Schülerinnen und Schüler, rechtssichere und datenschutzkonforme Lernplattformen und verlässliches WLAN sowie ein eigener Arbeitsplatz und -materialien;
  • Das Unterstützungssystem in der Schule: die Förderlehrerin, die Schulsozialarbeiterin, der Jugendsozialarbeiter, die Schulpsychologin, der Beratungslehrer, die Schulbegleitung, der Integrationsberater, die Berufsberaterin, der Intensivkurslehrer, der DAZ-Kurs, das modulare Förderangebot in Mathe oder Deutsch, der Plus-Kurs in Englisch oder die AG Schach oder der Schulgarten.

Der Distanzunterricht kann Präsenzunterricht nicht ersetzen und lässt viele Kinder nochmal mehr zurück!

Wir Lehrerinnen und Lehrer spüren das. Wir leiden ebenso darunter, wie die Kinder. Wir brauchen jetzt ein unterstützendes Netzwerk an Profis aus anderen Bereichen, um diese Kinder aufzufangen.

Lehrkräfte leisten alles, was ihnen unter den gegebenen Bedingungen möglich ist. Aber: Das ist zu wenig für das, was diese Kinder im Distanzunterricht bräuchten.

Selbstständiges Lernen fällt ihnen schwer; Eltern sind keine Lehrkräfte und sollen auch keine sein; die Mehrfachbelastung in den Familien zu Hause führt zu Konflikten und Krisen; viele Eltern können nicht da sein, helfen oder unterstützen. Die Kinder sind allein zu Hause und auf sich allein gestellt; schwierige familiäre Verhältnisse erlauben keine gute Lernatmosphäre und behindern die Kinder im Lernen.

Kinder und Eltern brauchen dringend Unterstützung – gerade im Distanzunterricht.

Und zwar mehr Unterstützung im Bereich des Lernens und ihrer psychischen Entwicklung. Kinder in Not – brauchen gerade jetzt im Distanzunterricht besondere Unterstützung!

Der VBE fordert: Die Politik ist gefragt! Sie muss aufhören in Ressorts zu denken und den Netzwerkgedanken verschiedener Institutionen in den Fokus nehmen.

  • Diese Kinder brauchen verlässlich einen Platz in der Notbetreuung. Neben Lehrerinnen und Lehrern, Kräften von den Trägern (Ganztags, Mittagsbetreuung, Hort) braucht es multiprofessionelle Teams. Für mannigfaltige Sorgen und Nöte dieser Kinder. Kurzarbeit dieser Kräfte darf nicht sein – die Kinder brauchen sie. In den Zeiten des Distanzunterrichts und in den Ferienzeiten. 
  • Diese Kinder brauchen, wo immer das Infektionsgeschehen es zulässt, „aufsuchende Beziehungsarbeit“: ein breites, regionales, passgenaues und ressortübergreifendes Netzwerk an multiprofessionellen Profis, die die Beziehung zu diesen Kindern halten, sie professionell betreuen und individualisierte Maßnahmen einleiten. Kultusministerium, Gesundheitsministerium und Sozialministerium müssen dringend in die emotionale, psychische und soziale Betreuung der Kinder investieren. Die Politik muss auf allen Ebenen ressortübergreifende Netzwerke spannen. Diese Arbeit kann im direkten Kontakt umgesetzt werden, kann und sollte aber auch durch weitere, digitale Angebote ergänzt werden. Die Gewährleistung des Gesundheitsschutzes aller beteiligten Berufsgruppen muss von den politischen Verantwortlichen klar geregelt werden. Die Fachkräfte sind entsprechend auszustatten.
  • Diese Kinder brauchen professionelle, kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule. Das ist in Zeiten von Corona wichtiger denn je. Professionelle Erziehungs- und Bildungspartnerschaften sind gerade jetzt das Fundament für gelingende Bildung und Erziehung: Das muss von der Politik anerkannt werden, denn das kostet die Lehrerinnen und Lehrern richtig Zeit und Energie!
  • Diese Kinder brauchen Schulberatung (Beratungslehrkräfte, Schulpsychologinnen). Sie kann an den Schulen koordinierende Funktionen übernehmen, so wie auch im normalen Schulalltag. Sie spannen das „Auffangnetz“ der Profis vor Ort, um die Kinder, die dies in Corona-Zeiten besonders intensiv benötigen.
  • Diese Kinder brauchen funktionierende Kooperationen zwischen Schulen und Jugendämtern.

Der VBE fordert für diese Kinder ganz konkret!

  • Kontaktmöglichkeiten zu den Schulpsychologen, Beratungslehrkräften, Schulsozialarbeitern, Jugendsozialarbeiterinnen, Therapeuten, etc.;
  • Beratungsgespräche live oder online oder per Telefon;
  • Schulbegleitung, die auch im Distanzunterricht unterstützt;
  • Zusätzliche Fördermaßnahmen beim Lernen, Üben und im Freizeitbereich;
  • Möglichkeiten sich auch in Jugendtreffsvirtuell – zu begegnen;
  • Sorgentelefone/Hotline für Kinder und Familien;
  • Zugang zur Notbetreuungmit ganzheitlichen Angeboten;
  • Schnellstmöglich differenzierte und individualisierte Förderung in kleinen Gruppen;
  • Ferien-Betreuung durch Mittagsbetreuungskräfte, Horte, Honorarkräfte und kommunale Anbieter;
  • Psychologen, Berater und andere professionelle Fachkräfte, die unter Beachtung des Gesundheitsschutzes aktiv in die Familien gehen dürfen (rechtliche Ausnahmen).

Die Politik muss sich diesen Kindern mit Kopf, Herz und Hand annehmen, damit diese Kinder nicht verloren gehen!

Kinder in Not – bleiben in Not auch „nach“ der Krise!

Diese Kinder werden mehr Ressourcen benötigen, um wieder auf den gleichen Stand wie Gleichaltrige zu kommen, auch wenn wieder Unterricht in der Schule möglich ist. Es muss daher jetzt schon darüber nachgedacht werden, wie das nun zu spannende Auffangnetz verstetigt werden kann, um langfristig zu wirken.

Ziel muss sein: Alle Kinder mitnehmen, Ungleiches ungleich fördern, langfristig den Lernerfolg für alle Schülerinnen und Schüler sichern.

Dafür steht der VBE ein.