Bildungsgerechtigkeit

Lernen und Leistung im 21. Jahrhundert

Lernen und Leistung im 21. Jahrhundert

Positionsbeschreibung

Anregungen zur Diskussion über ein neues Lern- und Leistungsverständnis
Die Veränderungen der Gesellschaft, unserer Lebensweise und unserer Erfahrungshorizonte werfen Fragen über Fragen auf: Was bedeuten diese Veränderungen für unsere Schulen, für uns Lehrerinnen und Lehrer aber auch für die Familien und Eltern? Was erwartet der Arbeitsmarkt von den jungen Menschen? Ist das was wir in der Schule tun noch zeitgemäß? Entspricht unser Unterrichten den Prinzipien modernen Lernens, wie sie die neuen Forschungsergebnisse der Psychologie und der Hirnforschung definieren? Wie sichern wir, dass der Bedeutung einer stabilen sozialen Gruppe für effizientes Lernen in der Schule Rechnung getragen wird? Welche Rolle spielen Gefühle wie Freude, Lust und Motivation für erfolgreiches, nachhaltiges Lernen? Und wie können wir sie in der Schule verstärken?

Wenn von „Leistung“ die Rede ist, verstehen viele „Erfolg“. Und tatsächlich ist zum Beispiel der sogenannte Leistungssport ausschließlich auf den körperlich hervorgebrachten Erfolg des Einzelnen ausgerichtet. Im Berufsleben werden gute Leistung und sichtbarer Erfolg ebenfalls gleichgesetzt, gezahlt wird dann „leistungsangemessen“. Leistung, so sehen es die meisten, kann ohne einen sichtbaren Erfolg, ein Produkt, nur schwer bestimmt werden. Sobald ein Ergebnis in Form einer absoluten Zahl oder einem Vergleich vorliegt, fällt es dem menschlichen Verstand hingegen leicht, eine Leistung anzuerkennen. Zu dumm, dass Kinder und Jugendliche in der Schule Leistungen erbringen, deren Ergebnisse weniger leicht erkennbar sind als der Output eines Stabhochspringers oder eines mittelständischen Werkzeugbauunternehmens. Oder kann menschliche Entwicklung unmittelbar in Produkte umgewandelt werden? Vielleicht ist das der Grund, warum Noten nach wie vor das Leistungskriterium schlechthin sind.

Die Leistungsmessung in Form von Noten sollte ursprünglich mehr soziale Gerechtigkeit bringen, wo sonst allein die Herkunft über Bildungszugang und künftigen Wohlstand entschieden hatte. Was ist also falsch daran, wenn heute Schülerinnen und Schüler nach ihrer Leistung in Form von Noten zu Schularten zugewiesen werden? Wenn allein das zählt, was in bestimmten Prüfungen und durch Ziffernnoten ausgedrückt und rechtskräftig dokumentiert wird? Noten gelten auch als Beweis dafür, dass eine Schülerin oder ein Schüler zu Recht auf dem Gymnasium ist. Dieses Verständnis von Leistung rückt die Selektionsfunktion von Schule in den Vordergrund. Durch Zertifizierungen werden junge Menschen frühzeitig auf eine berufliche Laufbahn festgelegt, und damit auch auf den sozialen Status, den sie maximal erreichen können. Noten werden gleichbedeutend mit Lebenschancen. Das aber ist nicht vereinbar mit unserem Anspruch, allen Menschen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und wir sollten ein neues Leistungsverständnis entwickeln.

Wir stellen fest, dass über die Bundesländer hinweg wenig Konsens darüber besteht, welche Normen und Ausführungsbestimmungen sowohl zum Lernbegriff als auch zu einem adäquaten Leistungsbegriff vorliegen. Die Thematik muss gesamtgesellschaftlich diskutiert werden, d.h. eine isolierte Betrachtung dessen, was in der Schule unter Leistung verstanden wird, ist nicht sinnvoll und wenig zielführend. Leistungs- und Chancengerechtigkeit dürfen in unserer Gesellschaft keinen Widerspruch bilden.

Die folgenden thesenartigen Diskussionsanregungen sollen deshalb sowohl dem innerverbandlichen als auch einem weiterführenden gesamtgesellschaftlichen Dialog dienen.

These 1
Lernen ist Kompetenzerwerb
„Guter Unterricht ist ein Unterricht, in dem mehr gelernt als gelehrt wird“ 
Franz Weinert, Bildungsforscher

Beim Kompetenzerwerb geht es um die Anwendung von Wissen, um das Denken in Zusammenhängen, um das Lernen des Lernens, um eigenständiges Erschließen der Umwelt und um Selbstständigkeit. Fähigkeit und Bereitschaft, die einmal gelernten Kompetenzen im Sinne von lebenslangem Lernen nachhaltig weiterzuentwickeln, stehen im Mittelpunkt eines modernen Lernbegriffs. Für den Unterricht bedeutet dies eine stärkere Ausrichtung auf den Schüler und seine Lernvoraussetzungen als am Stoff.

Einladung zur Diskussion:

  • Was ist eigentlich Allgemeinwissen? Entspricht es der Struktur des Menschen, breiter zu denken? Wird dem Menschen fachbezogenes Denken aufgezwungen?
  • Wie sieht ein kompetenzorientierter, ganzheitlicher Lernbegriff aus?
  • Müssen wir den „Mythos des Lernbegriffs“ hinterfragen? Muss der schulische Begriff des Lernens gesellschaftlich neu definiert werden?
  • Was muss ein Kind wissen/können? Benötigen Lehrerinnen und Lehrer für den Kompetenzerwerb im schulischen Setting konkrete Handlungsanweisungen für die Kompetenzraster?

These 2
Lernen ist ein konstruktiver Prozess
„Kinder lernen immer dann am besten, wenn sie eigene Erfahrungen machen dürfen und immer dann am wenigsten, wenn jemand glaubt, ihnen etwas beibringen zu müssen.“
Gerald Hüther, Neurobiologe

Wissen ist nicht das unmittelbare Ergebnis einer Wissensübertragung innerhalb eines Lehrprozesses. Wissen ist ein eigenständiger Prozess der Lernenden. Sie konstruieren ihr individuelles Wissen auf der Grundlage eigener Handlungen und Erfahrungen mit engem Bezug zu den Problemen der

eigenen Lebenswelt. Lernen ist immer dann besonders erfolgreich, wenn es gelingt, einen Bezug des zu Lernenden zur eigenen Lebens- und Erlebenswelt herzustellen und die gesamte Persönlichkeit miteinzubeziehen. Es bedeutet auch, nie zu Ende gelernt zu haben.

Einladung zur Diskussion:

  • Welche Konsequenzen hat es für die Unterrichtspraxis, wenn Lernen ein konstruktiver Prozess ist?
  • Wie schaffen wir es, Kinder zum eigenständigen Nachdenken und Problemlösen zu motivieren?
  • Was braucht Schule, damit Lehrerinnen und Lehrer bestmöglich als verantwortungstragende Ko-Konstrukteure des Lernens der Schülerinnen und Schüler agieren können?

These 3
Lernen ist ein individueller Prozess
„Kinder lernen besser, wenn sie selbst lernen, als wenn man sie belehrt. Wir müssen also unsere Belehrungsanstalten zu Lernwerkstätten umbauen.“
Peter Struck, Erziehungswissenschaftler

Lernwege und Lernprozesse der einzelnen Schülerinnen und Schüler sind individuell und damit sehr unterschiedlich. Ebenso variiert die Lerngeschwindigkeit der einzelnen Kinder stark. Manche lernen in manchen Phasen schnell und in anderen langsam, andere Kinder lernen in bestimmten Lernbereichen sehr gut, in anderen eher schlecht. Das sind Erfahrungen, die die Schule in der jetzigen Form immer wieder an Grenzen führt, weil sie auf diese individuellen Lernformen, Lernprozesse und Lerngeschwindigkeiten kaum eingehen kann. Dabei gilt es besonders, die Bedeutsamkeit von Lerninhalten zu betonen und das Interesse der Schülerinnen und Schüler zu wecken. Partizipation in diesem Sinne darf aber nicht dazu führen, dass Schule zu einem reinen Wunschkonzert wird. Vielmehr sollten Stärken gestärkt und Talente entdeckt werden.

Einladung zur Diskussion:

  • Kann ‚Lernen im Gleichschritt‘ überhaupt funktionieren?
  • Müssen wir gewohnte Strukturen überdenken, wenn wir individuelles Lernen konsequent ermöglichen wollen?
  • Was bedeutet individuelles Lernen für die Rolle der Lehrkraft?
  • Was bedeutet individuelles Lernen für den Unterricht?

These 4
Lernen ist ein kommunikativer Prozess
„Wer Kinder zu kompetenten, starken und selbstbewussten Persönlichkeiten erziehen will, muss in Beziehungen denken und in Beziehungsfähigkeit investieren. Das ist das Geheimnis einer Schulkultur, bei der niemand als Verlierer zurückgelassen wird.“
Gerald Hüther, Neurobiologe

Lernen ist ein Interaktionsprozess zwischen Lernenden und Lehrenden. Lernen als kommunikativen sozialen Prozess zu verstehen, bedeutet eine positive Lernkultur zu ermöglichen. In unserem jetzigen auf Selektion, Leistung und Konkurrenz ausgelegten System ist es dem Lehrer nur selten möglich eine kommunikative Lernatmosphäre zu schaffen, die echte Kommunikation zwischen den Schülern ermöglicht. Dabei müssen die enorme Heterogenität und Multikulturalität, insbesondere damit einhergehende Sprachbarrieren, besonders berücksichtigt werden.

Einladung zur Diskussion:

  • Muss in der Schule mehr miteinander gesprochen werden?
  • Wie können wir es schaffen, dass Schülerinnen und Schüler keine Angst mehr davor haben, etwas Falsches zu sagen?
  • Wie lässt sich Schule dialogischer gestalten?

These 5
Lernen basiert auf Motivation
„Zahlreiche Untersuchungen haben belegt, dass vorhandene Lernmotivation durch das Einengen von Spielräumen, das detaillierte Vorschreiben und massive Kontrollieren deutlich reduziert wird.“
Manfred Prenzel, Bildungsforscher

Lernen muss zum übergeordneten Ziel die Motivation der Schüler haben, Kompetenzen zu erwerben und sie auch anzuwenden. Motivation hat viel mit Erfolg, emotionaler Befriedigung und Kommunikation zu tun. Erfolgreiches Lernen braucht Spielräume und Freiheit. Schule muss solche Spielräume und Freiheiten erhalten, um eine Kultur der Motivation und Ermutigung schaffen zu können, auch wenn dies im Schulalltag nicht immer einfach ist. Jedes Kind muss Erfolgserlebnisse haben. Wer immer nur verliert, wird nicht motiviert. Dazu bedarf es auch eines (gesellschaftlichen) Umdenkens.

Einladung zur Diskussion:

  • Müssen wir die Art und Weise, wie in der Schule geprüft und bewertet wird überdenken?
  • Was würde mich als Lehrkraft im schulischen Alltag besonders motivieren?
  • Wie können Schülerinnen und Schüler im Alltag besser motiviert werden?

These 6
Lernen beruht auf Beziehung
„Überall dort, wo Menschen mit Menschen zu tun haben, muss ein Umdenken passieren. Motivation und Teamgeist, Freude am Lernen und Kooperation gilt es zu fördern, um der Bildungsmisere zu begegnen.“
Joachim Bauer, Neurobiologe

In der Schule muss eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen werden, so dass auch Fehler möglich sind ohne Angst vor Akzeptanzverlust. Dazu bedarf es einer bewussten Gestaltung des Schullebens unter Zusammenwirken der Lehrer, der Schüler und auch der Eltern. Die Lehrer müssen verstärkt Möglichkeiten und Freiräume erhalten, eine persönliche Beziehung mit ihren Schülern einzugehen. Anstatt sie vorwiegend zu bewerten, zu unterrichten, zu belehren, müssten sie einladen, ermutigen und inspirieren, ganz im Sinne des ganzheitlichen Bildungsbegriffs Johann Heinrich Pestalozzis, nach dem Herz, Kopf und Hand im Zusammenspiel ausgebildet werden müssen, denn nur wenn mein Herz hüpft, lerne ich. Beziehungsarbeit ist in einer Gesellschaft, in der stets das eigene Fortkommen im Vordergrund steht, erheblich erschwert. Die Schule als Ort der Bildung und Erziehung in Partnerschaft mit den Eltern kann hier in gelungener Kooperation, insbesondere an den Grundschulen, einen wertvollen Beitrag leisten.

Einladung zur Diskussion:

  • Braucht es eine veränderte Beziehungskultur an Schulen?
  • Wie können an der Schule bessere Beziehungen zwischen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern entstehen?
  • Was benötige ich als Lehrkraft, um den Schülerinnen und Schülern das zu geben, was sie von mir brauchen?

These 7
Lernphasen sind von Leistungsphasen zu trennen und müssen zeitlich aufgewertet werden.
„Die Schule muss zum Lernen anregen und Leistung einfordern. Fragwürdig sind allerdings Form und Zeitpunkt der Leistungsbewertung.“
Albin Dannhäuser, BLLV-Ehrenpräsident

Zunächst sollte der individuelle Lernstand ermittelt werden, als Basis für die individuelle Bezugsnorm, die es dann ermöglicht, die Kompetenzen festzulegen, um die es für den jeweiligen Schüler oder die Schülerin gehen soll. Erst in einem zweiten Schritt wird die individuelle Schülerleistung mit der kriterialen Norm verglichen. Wichtig dabei ist die Transparenz der Kriterien, mit denen eine Leistung gemessen wird. Die Kriterien können auch gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern entwickelt werden. Somit wird gewährleistet, dass Leistungsbewertung nicht alleine auf das Geben von Noten reduziert wird.

Einladung zur Diskussion:

  • Sollten wir ‚Lern-‘ und ‚Leistungsphasen‘ klarer voneinander trennen und dem Lernen insgesamt mehr Raum geben?
  • Sind Lehrkräfte im gegenwärtigen schulischen Alltag überhaupt in der Lage, unabhängig von den benoteten Erhebungen, individuelle Lernstanderhebungen durchzuführen?
  • Braucht es mehr Zeit für individuelle Lernstands- und Kompetenzdiagnosen?

These 8
Individuellen Lernzeiten mit individuellen Rückmeldungen muss ein höherer Stellenwert eingeräumt werden. Die Leistungszeit und die Leistungsbewertung sollten weitestgehend individuell festgelegt werden können.
„Eine enorme Leistung ist es für mich, wenn ein Jugendlicher, der nie eine Schule besucht hat, innerhalb weniger Monate nicht nur eine Fremdsprache sprechen lernt, sondern auch noch lesen, schreiben, rechnen und einen Bleistift, ein Lineal und eine Schere zu benutzen.“
Lehrerin einer Deutschklasse

Heterogenität, verstanden als die vielfältigen Lern- und Entwicklungswege, ist die Grundlage für ein individuelles Eingehen auf die Schülerin oder den Schüler. Unterschiedlich sind zum Beispiel die Lerngeschwindigkeiten. Anders gesagt: Die Kompetenzniveaus werden also zu unterschiedlichen Zeitpunkten erreicht. Warum auch sollte jeder zur selben Zeit dasselbe leisten? Logische Konsequenz einer individuellen Lernförderung ist, dass jeder seine Leistung individuell erbringen darf. Dazu bedarf es einer professionellen begleitenden Beratung sowie den Einbezug der Eltern im Rahmen von Bildungs- und Erziehungspartnerschaften. Der Lernweg wird somit transparent und es entstehen Spielräume sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

Einladung zur Diskussion:

  • Wie lassen sich individuelle Leistungen und Lernfortschritte in der Notengebung ernsthaft berücksichtigen?
  • Wie kann Schule mehr individuelle Schwerpunktsetzungen ermöglichen?
  • Wie kann Schule und Unterricht so flexibel werden, dass Kompetenzentwicklungen und deren Leistungsmessung individuell vonstattengehen können?

These 9
Leistung ist primär als ein Faktor von individuellem Fortschritt, nicht als Komponente der Auslese zu verstehen.
„Unsere Leistungsgesellschaft ist eine Gesellschaft, in der nicht nur Leistung gilt, sondern eine, welche bestimmt, was Leistung ist und wer sie leisten darf.“
Gerhard Uhlenbruck, Mediziner

Noten gelten als Beweis dafür, dass eine Schülerin oder ein Schüler zu Recht auf dem Gymnasium ist. Dieses Verständnis von Leistung rückt die Selektionsfunktion von Schule in den Vordergrund. Durch Zertifizierungen werden junge Menschen frühzeitig auf eine berufliche Laufbahn festgelegt, und damit auch auf den sozialen Status, den sie mit hoher Wahrscheinlichkeit maximal erreichen können. Noten werden gleichbedeutend mit Lebenschancen. Das aber ist nicht vereinbar mit unserem Anspruch, allen Menschen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und wir sollten ein neues Leistungsverständnis entwickeln. Der einzelne Mensch mit seinen Fähigkeiten muss in den Mittelpunkt rücken.

Einladung zur Diskussion:

  • Ist es pädagogisch sinnvoll, Schülerinnen und Schüler ständig im Vergleich zu ihren Peers oder einem allgemeinen Durchschnitt zu messen?
  • Wie kann Leistung in der Schule mehr als ein individueller Lernfortschritt, anstatt als Gruppenvergleich berücksichtigt werden?
  • Braucht es wirklich eine frühe und gruppenbezogene Auslese, um als Lehrkraft im Unterricht sinnvoll individuell fördern zu können oder braucht es hierzu eher völlig andere Dinge, wie beispielsweise multiprofessionelle Teams im Unterricht?

These 10
Feedback zur Leistung: Lernfortschrittsrück-meldung und kontinuierliche Lernberatung sind dabei die zentralen Elemente.
„Bei Leistung geht es darum, den Prozess insgesamt zu beurteilen und nicht eine Momentaufnahme. Es ist wichtig, den Schüler mit sich selbst zu vergleichen.“
Eine Lehrkraft

Zentrale Aufgabe von Schule und Bildung ist es, Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft jedes einzelnen Schülers zu stärken. Leistung ist aber mehr als die Momentaufnahme einer Ergebnisabfrage in Deutsch, Mathe oder Englisch. Zeitgemäße Formen der Leistungsfeststellung müssen weit mehr berücksichtigen: Die Grundhaltung des Schülers gegenüber Schule, Handlungsorientierung, selbstständiges Arbeiten. Schülerinnen und Schüler sollten auch Raum bekommen, sich selbst einzuschätzen. Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit sowie die gemeinsame Festlegung von Zielvereinbarungen und Lernverträgen sind Grundvoraussetzung für einen Paradigmenwechsel. Dabei müssen insbesondere Selbst- und Fremdeinschätzung abgeglichen werden, um ein realistisches Selbstbild zu schaffen.

Einladung zur Diskussion:

  • Was brauchen Lehrerinnen und Lehrer, um die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern besser kontinuierlich und individuell über die Lernfortschritte beraten zu können?
  • Wie kann eine offene und professionelle Feedback- und Beratungskultur flächendeckend in den Schulalltag implementiert werden?

These 11
Ein verändertes Verständnis von Leistung in der Schule muss Auswirkungen auf die Lehrerbildung, das Professionsverständnis des Lehrers und das Bild der Lehrerpersönlichkeit haben.
„Gute Lehrer sind wie gute Köche, die nutzen Rezepte als Anregung, halten sich aber nicht an die Mengenangaben. Durch Abschmecken und Überprüfung der Konsistenz während der Zubereitung erkennen sie, was und wie viel sie noch brauchen, damit ein gutes Gericht entsteht.“
Elsbeth Stern, Lehr- und Lernforscherin

Zu einem modernen Leistungsverständnis in der Lehrerbildung gehört, dass Lehramtsstudierende bereits mit Leistungsformen in Kontakt kommen, die sie dann auch in ihrem späteren Unterricht einsetzen. Studierende sollten daher ebenso individuelles Feedback einüben und erhalten, Portfolios und Projektarbeiten als prozessbezogene Leistungen durchführen und Kriterien für ihre Leistungsmessungen entwickeln. Hierzu bedarf es aber eines Perspektivenwechsels in der Lehrerbildung. Nur wer im Studium seine eigene Lern- und Leistungsbiografie reflektieren kann und einen neuen Leistungsbegriff erfahren und erleben darf, kann ihn dann im eigenen Unterricht auch umsetzen.

Einladung zur Diskussion:

  • Welche Kompetenzen benötigt eine Lehrkraft der Zukunft?
  • Wie können angehende Lehrkräfte besser lernen, ihre eigene Rolle in einer sich rapide verändernden Welt kontinuierlich zu reflektieren?
  • Wie können angehende Lehrkräfte besser auf professionelles Feedback und individuelle Beratung vorbereitet werden?

These 12
Die diagnostischen Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer sind für eine verändertes Leistungsverständnis von großer Bedeutung.
„Lehrer brauchen ein Erklärungsmodell dafür, wie unterschiedliche Formen der Unterrichtsgestaltung auf das Lernen wirken. Als Lehrender muss man genau untersuchen und verstehen, wie Schüler lernen.“
Ulla Runesson, Lernforscherin

Lehrerinnen und Lehrer müssen dafür sensibilisiert werden, unterschiedliche Leistungen wahrzunehmen und Lern- und Leistungsprozesse zu ermitteln, zu beobachten, zu dokumentieren und zu beurteilen. Dieser Prozess kann durch eine verständnisintensive Annäherung ans Lernen begünstigt werden. Lehrerinnen und Lehrer geben schließlich keinen Schätzwert über die Leistungen eines jungen Menschen ab, sondern eine differenzierte und ehrliche Wertschätzung der individuellen Leistung.

Einladung zur Diskussion:

  • Welche Konsequenzen hat es für den Unterricht, wenn Schülerinnen und Schüler stets unterschiedlich verstehen und lernen?
  • Was erschwert Lehrerinnen und Lehrern in ihrem Schulalltag, die individuelle Lern- und Leistungsentwicklung der Schülerinnen und Schüler besser nachvollziehen und begleiten zu können?
  • Was benötigen Lehrerinnen und Lehrer, um die Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler besser messen, nachverfolgen und unterstützen zu können?