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Dortmund,

Lehrer lassen sich nicht von der Politik vorführen – Fördern und Fordern beste Prävention gegen Schulversagen

Deutscher Lehrertag 2010 mit 1.000 Teilnehmern eröffnet

Zum Thema „Fördern & Fordern“ findet heute der Deutsche Lehrertag 2010 in Dortmund statt. Zu dem Weiterbildungstag, der gemeinsam von VBE, VdS Bildungsmedien, Stiftung Partner für Schule NRW und dem Arbeitskreis Hauptschule veranstaltet wird, sind 1000 Pädagoginnen und Pädagogen aus dem ganzen Bundesgebiet in das Kongresszentrum Westfalenhallen gekommen. Vielen weiteren Interessierten musste abgesagt werden, weil die Platzkapazitäten bereits 10 Tage vor Anmeldeschluss ausgeschöpft waren.

Auf dem Deutschen Lehrertag werden aktuelle Ergebnisse der Hirnforschung, der Elitenforschung und der Unterrichtsforschung vorgestellt und in Workshops zur Diskussion gestellt. Hauptreferenten sind Elitenforscher Prof. Dr. Michael Hartmann (Darmstadt) und Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer (Ulm).

VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann erklärte zur Eröffnung: „Jedes Kind von Anfang an individuell zu fördern und zu fordern, ist die beste Prävention gegen Schulversagen. Dazu das Bildungssystem von den Kindertagesstätten an in die Lage zu versetzen, ist tausendmal besser, als später Millionen Euro über die Arbeitsagenturen in nachträgliche Fördermaßnahmen stecken zu müssen, um junge Menschen, die sich als Verlierer sehen, wieder aufzurichten.“ Beckmann sagte unter Hinweis auf die große Teilnehmerzahl: „Lehrerinnen und Lehrer haben eine hohe Bereitschaft, sich fort- und weiterzubilden. Sie erteilen mit Ihrem Kommen all denen eine Lektion, die in der politischen Verantwortung stehen und die Lehrerinnen und Lehrer gern als ‚lernunwillig‘ verunglimpfen, ihnen aber gleichzeitig die notwendigen Fort- und Weiterbildungsangebote vorenthalten.“ Kultusministerkonferenz und Bundesregierung warf Beckmann vor, sie würden nur von einer Bildungsrepublik reden, aber das Gegenteil tun.

„Wir Lehrerinnen und Lehrer lassen uns nicht von der Politik vorführen. Da sage ich in Richtung KMK und Bundesregierung: Nein! Wir sind nicht mehr bereit, jede politische Forderung – und sei sie noch so berechtigt – auf dem Rücken der Lehrerinnen und Lehrer austragen zu lassen. Der VBE fordert: Gebt uns die nötigen Gelingensbedingungen!“

Beckmann sprach sich erneut für den Stopp des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern im Bildungsbereich aus. Er signalisierte gegenüber NRW-Bildungsministerin Sylvia Löhrmann: „Ich freue mich, dass wir in dieser Frage an einem Strang ziehen.“ Das Kooperationsverbot verhindere den direkten Zufluss von Bundesmitteln in die Länder, so Beckmann, und die Folge sei, dass die Bundesregierung für Bildung avisierte Mittel zunehmend an freie Träger und private Einrichtungen lenke. „Es ist eine Bankrotterklärung für das öffentliche Bildungssystem und ein Eingriff in unsere Expertise als Lehrer, wenn Kinder aus Hartz-IV-Familien mit Bundes- und damit mit Steuermitteln private Nachhilfe bekommen sollen, um im Bildungssystem den Anschluss zu halten“, machte Beckmann klar. Weiter bekräftigte er, die ‚demografische Rendite‘ durch den Rückgang der Schülerzahlen müsse unbedingt zur Verbesserung der Qualität im Bildungssystem gehalten werden. Dies hätten auch die Kultusminister mit ihrer Unterschrift 2006 unter die gemeinsame Erklärung zum Fördern und Fordern mit den Lehrerorganisationen. „Dass diese Zusage eingelöst wird, ist das Mindeste, was wir von der Politik erwarten“, so der VBE-Bundesvorsitzende.

Der Vorsitzende des VdS Bildungsmedien Wilmar Diepgrond betonte in seiner Begrüßungsrede, Fördern und Fordern sei keine soeben neu entdeckte pädagogische Handlungsmaxime. „Es ist vielmehr ein bereits anerkannter Anspruch auf dem Weg zu einer veränderten Schule und gleichzeitig eine tägliche Herausforderung, der sich die Lehrkräfte aller Schularten täglich im Unterrichtsalltag stellen müssen.“ Auf möglichst individueller Ebene neue Ideen im Unterricht anzuwenden, so Diepgrond, verlange die gezielte Auseinandersetzung mit Fragen wie: Was bedeutet individuelle Förderung angesichts neuer Bildungsstandards und neuer Kerncurricula? Welche Rahmenbedingungen sind in den Schulen notwendig, damit Förderkonzepte gelingen? Wie kann man es schaffen, in immer heterogener werdenden Lerngruppen methodisch und didaktisch Erfolg versprechende Ansätze umzusetzen? Für guten Unterricht gebe es keine Patentrezepte, aber die Experten der Schulbuchverlage könnten gute Lernwerkzeuge und Methoden entwickeln, um den Lehrerinnen und Lehrern pädagogisch hilfreiche Unterstützung zu geben.

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann erklärte in ihrem Grußwort: „Die Bildungspolitik in Deutschland steht vor zwei zentralen Herausforderungen: Erstens hängt die Zukunft unserer Kinder noch zu sehr von der sozialen Herkunft und dem Geldbeutel ihrer Eltern ab. Und zweitens muss unser Schulsystem leistungsfähiger werden, in der Spitze und in der Breite. Bei den internationalen und nationalen Studien haben wir in den vergangenen Jahren nur Mittelwerte erreicht. Es muss uns stärker als bisher gelingen, jedes einzelne Kind und jeden einzelnen Jugendlichen zu fördern. Die Einführung von Gemeinschaftsschulen, der weitere Ausbau des Ganztags, weitere Entlastungen beim verkürzten Bildungsgang zum Abitur, die Einrichtung eines inklusiven Schulsystems sind wichtige Schritte auf dem Weg hin zu einem  sozial gerechteren und leistungsfähigeren Schulsystem, das Talente fördert, Verschiedenartigkeit schätzt und kein Kind zurücklässt. Nur dann wird Deutschland zukunftsfähig sein, wirtschaftlich und sozialpolitisch.“