Schulbau

Innovativer Schulbau zwischen Mut und Verantwortung

Dritte Schulbaukonferenz in Stuttgart

Dr. Meike Kricke (links) und Barbara Pampe (rechts) von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft auf der Schulbaukonferenz Stuttgart

Die dritte Schulbaukonferenz hat bestätigt: Zukunftsfähiger Schulbau ist keine Standard-Aufgabe, sondern ein gemeinsamer Prozess, der Verantwortungsübernahme, Mut und neue Perspektiven auf Schule im Quartier verlangt. Wenn dies gelingt, kann der Standort von einem Prozess profitieren, der noch lange nach dem Planen und Bauen trägt.

Vom Sondervermögen zum zukunftsgerichteten Schulbau

Zu Beginn der Konferenz machte der Landesvorsitzende des VBE Baden-Württemberg, Gerhard Brand, mit Blick auf repräsentative Daten einer aktuell vom VBE veröffentlichten forsa-Umfrage den Handlungsdruck sichtbar: hoher Sanierungsbedarf, Modernisierungsstau und zu selten ein professioneller Planungsprozess. Die gemeinsame Forderung der Veranstalter, die auch Dr. Meike Kricke und Barbara Pampe von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft sowie Liza Heilmeyer vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA in ihren Begrüßungen betonten: Die Investitionsgelder des Bundes, welche über das Infrastruktursondervermögen in die Kommunen kommen sollen, werden dringend gebraucht, um ins Tun zu kommen. Und: Geld allein reicht nicht. Entscheidend ist, wie wir Pädagogik zeitgemäß definieren, Räume neu denken und Prozesse gemeinsam tragen und gestalten.

Der Ausgangspunkt dafür kann nur die Pädagogik sein, wie Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, appellierte: Ohne gemeinsames Bildungsverständnis entsteht kein gemeinsames Raumverständnis. Ohne eine Ausrichtung der Didaktik an den Anforderungen der Zukunft könne auch der Schulbau diesen Anforderungen nicht gerecht werden. Oder zugespitzt: Solange sich die Räume im Kopf nicht ändern, nützt kein Neubau.

Kinder und Jugendliche fragen!

Beteiligung wird daher zur Voraussetzung, nicht zur Zugabe. Sie erweitert Perspektiven, schärft Bedarfe und verankert die späteren Nutzungen im Alltag der Schule. Einen wichtigen Beitrag leistet deshalb die Perspektive der Kinder und Jugendlichen, die von Anfang an in den Prozess mit eingebunden werden müssen. Deshalb waren auf dem Podium in Stuttgart auch Schülerinnen und Schüler vertreten, die ihre Sicht auf die Schule der Zukunft mit der Forderung unterstrichen: Hört uns zu, wir haben viel zu sagen, wenn es darum geht, was wir zum Lernen und Wohlfühlen in der Schule brauchen!

Das wirkt, wenn sich Kinder diesen Raum dann auch selbst aneignen dürfen, ihn mitgestalten, Möbel intuitiv benutzen lernen und „mit strahlenden Augen“ die Angebote von Raum und Ausstattung entdecken. Sie nehmen ihre Schule mit allen Sinnen wahr, wie auch der Bildungsministerialdirektor Daniel Hager-Mann feststellte: „Erfolgreiches Lernen erfordert den ganzen Menschen.“

Projekte aus der Praxis

Architektinnen und Architekten, Mitarbeitende aus Verwaltung, Wissenschaft und Praxis waren sich in Stuttgart einig: Veränderung gelingt nur dann, wenn man sie bewusst will. Wenn Standards überprüft und Rollen geklärt werden und Verantwortung geteilt wird. Und wenn man Schule nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil einer kommunalen Bildungslandschaft.

Anhand von Praxisbeispielen der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft wurde klar, was das bedeuten kann:

  • Über Ganztagsentwicklung zu neuen Nutzungskonzepten im Bestand:
    Das Pilotprojekt „Ganztag und Raum“ an der Martin-Schaffner-Schule in Ulm macht vor, wie durch gemeinsame Flächennutzung von Schule und Ganztag teure Um- und Neubauten vermieden werden, wie Synergien im Team genutzt und die Herausforderung einer tiefgreifenden Veränderung gemeinsam getragen werden können.
     
  • Phase Null mit Schule im Quartier:
    Das Projekt „Schulen planen und bauen“ an der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule Hamburg zeigt, wie die Ergebnisse einer Phase Null als langfristige Orientierung dienen und bis heute die pädagogische und räumliche Entwicklung der Schule voranbringen.
     
  • Schule als Bildungsort für alle:
    Die Offene Schule Waldau, Kassel, aus dem Projekt „Schulbau Open Source“, steht schließlich für einen Ansatz radikaler Vereinfachung: weniger Standards, mehr Handlungsfähigkeit – und Raumlösungen, die trotz großer Dimensionen offen und nutzbar bleiben. Dabei wird zukunftsorientierte Pädagogik nicht als Herausforderung, sondern als Anlass gesehen, um Brandschutz neu zu denken.

Immer wieder war zu hören: Effizienz entsteht nicht durch mehr Räume, sondern durch das Denken in Funktionen dieser Räume – und damit verbunden einer variablen Nutzung über den Tag hinweg.

Fazit: Gemeinsam mutig vorangehen!

In ihrem Fazit betonten Dr. Meike Kricke und Barbara Pampe noch einmal mit Nachdruck: Pädagogik und Architektur können nur in die Zukunft weisen, wenn sie zusammen gedacht und entwickelt werden. Wer zukunftsfähige Schulen bauen will, braucht verschiedene Perspektiven – in jedem Planungsschritt, von der Phase Null bis in die Phase Zehn und darüber hinaus. Mit ihrer Frage „Lernst du schon oder wirst du noch unterrichtet?“ verbinden sie auch die Botschaft, dass leistungsfähige Schulgebäude die räumliche Entsprechung einer zukunftsfähigen Pädagogik sind.

Dafür braucht es neben den finanziellen Ressourcen eine Übereinkunft des Wollens. Das ist der eigentliche Fortschritt dieser Konferenz: die Erkenntnis, dass Innovation im Schulbau nicht nur eine Frage der Mittel ist, sondern auch eine Frage der Haltung – und des Mutes, sie gemeinsam umzusetzen.