Gesundheit & Zufriedenheit

„Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst“

© Thomas Jauk

Seit über einem halben Jahr bewegt uns die Corona-Pandemie, die damit einhergehenden Maßnahmen und die „neue Normalität“. Alle Lebensbereiche sind berührt, der Alltag hat sich teilweise deutlich geändert. Als Mittel der Wahl zur Unterbrechung von Infektionsketten wurden ab Mitte März bis nach den Osterferien die Schulen flächendeckend geschlossen. Dass dies weitreichende Konsequenzen für die Schülerinnen und Schüler haben würde, war vorher schon klar, zeigte sich aber nach den Öffnungen umso deutlicher. Nun, im Herbst 2020, wurde auch deshalb eine andere Entscheidung getroffen. Im „Lockdown light“ wurden zwar das kulturelle Leben heruntergefahren und Einrichtungen der Freizeitgestaltung geschlossen, die Schulen aber bleiben offen. Das sorgt für ganz unterschiedliche Reaktionen, über die wir mit Udo Beckmann, dem Bundesvorsitzenden des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), gesprochen haben.

Herr Beckmann, nach dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten kam auch die Kultusministerkonferenz zu dem übereinstimmenden Urteil, dass es oberste Priorität habe, die Schulen offen zu halten. Wie bewerten Sie das?
Das Recht auf Bildung ist ein hohes Gut! Und die Lehrkräfte sehen die Relevanz des Bildungsauftrags und wissen, dass es vielen Kindern nicht guttun würde, nur noch im Distanzunterricht zu sein. Während der Schulschließungen zeigte sich, dass viele Schülerinnen und Schüler dafür nicht ausgestattet sind und dass sie darunter gelitten haben, dass erwachsene Bezugspersonen und der soziale Kontakt zu Gleichaltrigen fehlen.
Es ist richtig, die Schulen offen zu halten. Aber nicht so, wie es jetzt ist. Lehrkräfte setzen sich einem hohen Risiko aus und sind über Stunden mit vielen Personen aus unterschiedlichen Haushalten in einem Raum, bilden und lehren unter Pandemiebedingungen. Dafür verdienen sie Wertschätzung und die Unterstützung der Ministerien mit allen notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen, seien es Masken oder Luftfilter!

Zu Luftfiltern gibt es ja unterschiedliche Meinungen. Sie sind also für den Einsatz?
Ja, denn auch wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, zeigen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, zum Beispiel der Universität der Bundeswehr München, sehr wohl einen Nutzen auf.
Man muss eben auch sehen, dass das ständige Lüften Lehrkräfte vor Herausforderungen stellt. Pädagogisch ist der Zerlegen der Stunde in 20 Minuten-Abschnitte durchaus anspruchsvoll. Jetzt, wo der November in Deutschland sein graues und kaltes Gesicht gezeigt, gibt es natürlich Widerstände der Schülerinnen und Schülern. Es ist kalt, es regnet rein und für den Klimaschutz ist das Gegenheizen natürlich auch nicht sinnvoll. Erklären Sie das mal der „Generation Fridays for Future“.
Als schnelle Lösung könnten CO2-Messgeräte unterstützen. So kann leichter verständlich gemacht werden, dass jetzt gelüftet werden muss.

Sie haben auch das Tragen von Masken angesprochen. Wie stehen Sie denn dazu?
Das Maskentragen, insbesondere in der Grundschule, darf nur letztes Mittel sein, um den Distanzunterricht zu verhindern.
Die dafür notwendigen Masken sind Arbeitsmaterial und müssen für die Lehrkräfte vom Dienstherrn bereitgestellt werden. Zudem sind für Kinder aus ökonomisch schwachen Haushalten von den zuständigen Ämtern Masken bereitzustellen.

Der Wechselunterricht wird von den Kultusministerien scharf kritisiert. Sind Sie trotzdem für entsprechende Modelle?
Wir lernen momentan jeden Tag dazu und müssen dieses Wissen auch in Schulen bestmöglich einsetzen. Wichtig bleibt, dass immer, wo möglich, der Abstand eingehalten werden kann. Das wäre am besten einzuhalten, wenn die Klassen geteilt würden. Hierfür fehlt es aber aufgrund der Versäumnisse der Politik an Lehrkräften und an Räumlichkeiten – und auch immer noch an den Voraussetzungen für hybriden Unterricht. Auf diesen kann aber erst umgestellt werden, wenn die Kommunikation zu den Schülerinnen und Schülern sichergestellt ist. Wir dürfen keine Schülerin, keinen Schüler zurücklassen!

Wenn es durch eine akute Quarantäneanordnung dazu kommt, ist das natürlich etwas anderes. Hier profitieren wir von den Erfahrungen, die im Frühjahr gemacht wurden. Mittlerweile wissen wir, wie die Schülerinnen und Schüler kontaktiert werden können, die Abläufe in der Notsituation haben sich etwas eingespielt.

Wenn es zum Wechselmodel kommt, worauf ist dann zu achten?
Der Wechselunterricht muss natürlich unter den existierenden Ressourcen organisiert werden. Hier rächt sich der Lehrkräftemangel, den die Politik zu verantworten hat, massiv. Damit die im System befindlichen Lehrkräfte nicht zu sehr überbeansprucht werden (und das werden sie ehrlich gesagt schon seit März!) könnte ein Wechselmodell mit zwei Gruppen pro Klasse auch vorsehen, dass beide nur 2 Tage in der Schule sind, sodass die Lehrkraft am fünften Tag genügend Zeit hat, den Unterricht vorzubereiten.

Es ist für uns zudem unabdingbar, dass zumindest die ersten und zweiten Klassen vor Ort unterrichtet werden. Sie haben zum einen noch nicht die ausreichenden Möglichkeiten, um Schulaufgaben selbstständig zu erledigen, und können zum anderen schlicht noch nicht hinreichend lesen und schreiben. Zudem sind sie auf die persönliche Begleitung durch eine Lehrkraft angewiesen. Es muss alles dafür getan werden, damit an Grundschulen der Präsenzunterricht erhalten werden kann.

Müssen dafür auch andere Räumlichkeiten genutzt werden, wie jüngst die Bildungsministerin Anja Karliczek oder auch der Bundeswirtschaftsminister Altmaier vorschlugen?
Der Vorschlag ist nicht neu und wurde auch schon während der Schulöffnungsphase vorgebracht. Natürlich müssen wir momentan auch kreative Lösungen suchen und umsetzen – trotzdem darf nicht vergessen werden, dass so ein Museum eben kein Klassenzimmer ist. Der logistische Aufwand, Museen schülersicher zu machen und mit den notwendigen Materialien auszustatten, dürfte sehr hoch sein. Und: Wie viele Räume gewinne ich dadurch wirklich?

Zudem dürfen wir dort keine Wunder erwarten: Der Raum ist der 3. Pädagoge und wenn der noch nach Gastraum aussieht, ist das fokussierte Lernen zumindest am Anfang sicher nicht leicht herzustellen.
Besser bietet sich daher die reizarme Räumlichkeiten an, wie Messehallen, Konferenzräume in Hotels oder in Coworking-Unternehmungen. Diese sind oft auch mit Lüftungsanlagen ausgestattet, verfügen über Internetzugänge und Beamer. So können die Schülerinnen und Schüler parallel auf die Herausforderung vorbereitet werden, bei einem Infektionszahl in der Klasse oder der Familie im Homelearning weiterzumachen.

Ist es notwendig, für alle Schulen das gleiche Vorgehen vorzusehen?
Nein! Natürlich nicht. Im Gegenteil: Es ist Zeit, den Föderalismus in all seinen Möglichkeiten zu nutzen. Und das heißt auch, dass Entscheidungen nicht für ein ganzes Land getroffen werden, sondern für die Region. Wir beobachten in der Gesellschaft und an den Schulen ein hohes Infektionsgeschehen, das sich dynamisch entwickelt. Es ist höchste Zeit, dass sich die Kultusministerien hierzu verhalten und transparente Regelungen aufstellen, die sich an der Schulrealität orientieren und eben entsprechend der Neuinfektionszahlen vor Ort umgesetzt werden.

Jedes Szenario in diesem dynamischen Geschehen muss einem konkreten Plan zugeordnet sein, sodass allen Beteiligten klar ist, was wann passiert. Zum Beispiel: Ab Neuinfektionszahlen über 100 wird die Lerngruppe geteilt, über 350 zu Hause unterrichtet.

Wenn es dann doch zu einem Corona-Fall oder einem entsprechenden Verdacht kommt, sind es die Gesundheitsämter, die schlussendlich über das weitere Vorgehen bestimmen. Funktioniert das Ihres Wissens nach gut?
Zuerst einmal ist die Koordinierung mit den Gesundheitsämtern eine weitere Aufgabe für die Schulleitung, die auch vorher schon genügend Aufgabe hatte. Es bewahrheitet sich eins ums andere Mal, was unsere regelmäßigen forsa-Umfragen zeigen: Es ist dringend angezeigt, die Schulleitungen von administrativen Aufgaben zu entlasten – auch, indem weitere Personen in das Schulleitungsteam geholt werden können.

Bei der Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern gibt es ein großes Problem: Dass nämlich alle Gesundheitsämter zuständig sind, aus deren Zuständigkeitsgebieten Kinder in die Schule kommen. Das führt zu absurden Situationen durch widersprüchliche Aussagen. Deshalb fordern wir, dass nur das Gesundheitsamt zuständig sein sollte, in dessen Gebiet die Schule steht.

Hinzu kommt, dass klare und transparente Regelungen, wann wer in Quarantäne gehen muss, fehlen. Wird in dem einen Landkreis die ganze Klasse in Quarantäne gesetzt, sind es in dem anderen nur die direkten Banknachbarn – wenn überhaupt, weil ja gelüftet wurde. Das gilt auch für die Regelungen, wie das dann für Familienmitglieder gehandhabt wird. Wenn der kleine Bruder oder die große Schwester weiter in die Schule geht, können Sie sich jede Quarantäneanordnung sparen. Das ist insgesamt nicht nachvollziehbar und führt zu Unmut und Verunsicherung.

Und das merkt man auch an den Reaktionen der Gesellschaft…
Absolut! Es gibt eine hohe Heterogenität an Meinungen, selten war es so schwer, einen Konsens zu finden. Aber für uns muss eines klar sein: Die Vielfalt an Meinungen, die zum Schulbetrieb existieren, darf nicht auf dem Rücken der Lehrkräfte ausgetragen werden. Sie stehen zwischen allen Stühlen – und jeden Tag in der Schule. Dafür dürfen sie sich dann in den Nachrichten anhören, dass die einen unbedingt alles schießen wollen, die anderen alles offenhalten – und sowieso hat die Lehrerin aus der 3b heute in der Deutschstunde nicht gelüftet. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Bei manchen Aussagen bin ich nur noch wütend, das Menschen, die selbst im Homeoffice arbeiten, keinen Millimeter Empathie für Lehrkräfte aufbringen können – ihre Kinder aber am liebsten vor lauter Sorge um die eigene Gesundheit aus der Schule nehmen würden.

Da hilft es auch nicht, dass gar nicht bekannt ist, wie viele Personen aktuell von Quarantäne-Anordnungen betroffen sind. Letzte Woche kursierte ja eine sehr hohe Schätzung. Was sagen Sie dazu?
Spekulieren und skandalisieren hilft in dieser Situation nicht. Die Wahrheit ist schlicht: Wir wissen nicht, wie viele Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler in Quarantäne sind. Deshalb fordern wir seit Wochen von den zuständigen Behörden, allen voran den Schulministerien und Gesundheitsbehörden, dass die Zahlen in einem einfachen Prozedere täglich erhoben und auch veröffentlicht werden. Es gehört zum verantwortungsvollen Handeln der Ministerien, entsprechend der dynamischen Situation zu handeln.

Das heißt aber nicht, dass ständig alle Planungen verworfen und die Schulleitungen jeden Tag mit neuen Anforderungen konfrontiert werden dürfen. Deshalb fordern wir schon seit den Schulöffnungen transparente Pläne für unterschiedliche Szenarien, die öffentlich kommuniziert werden müssen, sodass bei jedem eintretenden Szenario allen klar ist, was zu tun ist und wer, für wen Ansprechperson ist.

Das ist es, was es jetzt braucht?
Ja, Statistiken über die tatsächliche Situation, unterschiedliche Pläne für die verschiedenen möglichen Szenarien, technische Unterstützung für das Lüften und die Ausstattung, um im Falle eines Falles ins hybride Lernen umsteigen zu können.

Das Interview führte Anne Roewer, Pressereferentin des VBE Bundesverbandes.