Gesundheit & Zufriedenheit

Lifestyle-Teilzeit?

Warum dieser Begriff im Bildungssystem verfehlt ist

Beitrag von Maria Stöckel, stellvertretende Bundessprecherin der VBE Frauen


Ich habe in meiner Zeit als Lehrkraft und Personalrätin noch nie einen Lifestyle-Teilzeit-Antrag gesehen. Was ich aber gesehen habe, waren handfeste Gründe für eine reduzierte Arbeitszeit. Besonders im Bildungssystem, wo die Teilzeitquote bei Lehrkräften im Jahr 2024 mit 43 Prozent auf einem neuen Höchststand lag, bei Frauen sogar bei 51 Prozent (im Vergleich zu 23 Prozent bei Männern). [1]

Fakt ist: Die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten in Deutschland überschritt im vergangenen Jahr erstmals die 40 Prozent-Marke. [2]

Doch was bedeutet das konkret für Lehrkräfte? Prinzipiell sind alle in „Lifestyle-Teilzeit“, die ihren Teilzeitantrag weder mit der Betreuung oder Pflege von Angehörigen noch mit Fort- und Weiterbildung begründen. Das trifft durchaus auch auf Lehrkräfte zu. Die meisten reduzieren ihre Stunden jedoch aus anderen, nachvollziehbaren Gründen.

Warum Lehrkräfte Teilzeit wählen

Dabei geht es insbesondere um den Selbstschutz. Bevor jemand Gefahr läuft, aufgrund der hohen Belastung krank zu werden, werden lieber Stunden reduziert. Auch die Aussicht auf ein längeres Berufsleben lässt viele kürzertreten. Und nicht zuletzt haben Lehrkräfte einen hohen Anspruch an ihre pädagogische Arbeit. Um trotz Aufgabenflut und Anforderungssteigerung beste Bildungschancen zu gewährleisten, hilft die Reduzierung ebenso. Auch machen gesundheitliche Gründe eine Beschäftigung in Teilzeit notwendig, die (noch) nicht in den Bereich des SGB IX fallen.

Das sind zwar individuelle Entscheidungen, aber sie verweisen auf grobe strukturelle Mängel im Bildungssystem. Was bei der Diskussion rund um Teilzeit gerne vergessen wird, ist, dass wohl niemand leichtfertig die Nachteile der Teilzeitbeschäftigung in Kauf nimmt, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Der so produzierte Gender Pay Gap führt dazu, dass Frauen bis zu 30 Prozent weniger Lebenseinkommen erhalten. Dass Frauen aus diesem Grund häufiger von Altersarmut betroffen sind, ist unlängst gesagt.

Und darüber hinaus nehmen Teilzeitkräfte Karriereknicks hin, weil Teilzeit fälschlich als „mangelndes Engagement“ gilt – obwohl Teilzeitkräfte das System oft erst am Laufen halten. Einher geht die Abwertung, als wäre Teilzeit eine Bequemlichkeit, nicht Überlebensstrategie in einem überlasteten System.

Obwohl die pauschale Forderung, den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken, politisch wenig sinnvoll ist, hat die Debatte immerhin eines bewirkt: Im öffentlichen Diskurs wurden konkrete Maßnahmen gefordert, die die Teilzeitquote – vor allem bei Frauen – langfristig senken könnten. Und es ist die Trinität der Gebetsmühlen sämtlicher Gleichstellungbeauftragten:

  • Equal Care: Der Ausbau von Betreuungsplätzen ist dringend nötig. Aktuell fehlen bundesweit rund 430.000 Kita-Plätze, besonders im Westen der Bundesrepublik.
  • Equal Pay: Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Darum wird der VBE auch nicht müde, A13 für alle Lehrkräfte in allen Schulformen zu fordern.
  • Wertschätzung statt Vorwürfe: Teilzeit ist kein Luxus, sondern oft die letzte Option in einem überlasteten System. Statt den Rechtsanspruch einzuschränken, müssen wir die Ursachen für Teilzeit bekämpfen – nicht die Symptome.

Die Debatte um „Lifestyle-Teilzeit“ lenkt von den eigentlichen Problemen ab. Es geht nicht darum, wer „mehr arbeiten könnte“, sondern darum, warum so viele gar keine andere Wahl haben.


Quellen:

[1] Teilzeitquote bei Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen auf 43,1 % im Schuljahr 2023/24 gestiegen (Download am 18.02.2025)

[2] Teilzeitquote überschreitet erstmals die 40-Prozent-Marke (Download am 18.02.2025)