Ganztag Bildungsgerechtigkeit

Mit Ansage: Ganztag nicht für alle

Gastkommentar von Tomi Neckov, Schulleiter in Schweinfurt und Bundesvorsitzender des VBE

Ab Sommer 2026 haben alle Erstklässler in Deutschland einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Ein Versprechen, von dem wir wissen, dass es nicht überall gehalten werden kann. Die Zahlen aus der vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) beauftragten, repräsentativen forsa-Umfrage unter mehr als 1.300 Schulleitungen zeigen deutlich: Ein Viertel der Grundschulschulleitungen gibt an, dass nicht für alle Erstklässler ein Angebot der Betreuung vorgehalten werden kann. Von diesen geben drei Viertel an, dass Räume fehlen, zwei Dritteln fehlt qualifiziertes Personal, die Hälfte klagt über zu knappe finanzielle Mittel.

Dass das so ist, ist lange bekannt. Regelmäßig warnen nicht nur wir, sondern auch die kommunalen Spitzenverbände. Doch nun drängt die Zeit. Damit wird leider nicht nur der Druck größer, Lösungen zu finden – sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Lösungen akzeptiert werden, die mit Qualität nicht viel zu tun haben.

Zum einen sehen wir jetzt schon, dass Personal angenommen wird, das keine angemessene pädagogische Vorqualifizierung hat und vor allem nicht ausreichend auf die Bedürfnisse so junger Kinder eingehen kann. Es macht einen Unterschied, mit dieser besonders vulnerablen Gruppe umzugehen. Die Erstklässler wechseln gerade von der Kita in die Grundschule, lernen dabei neue Regeln, andere Strukturen und viele Personen kennen. In dieser sensiblen Phase brauchen sie Stabilität, Zuwendung und gut ausgebildete Fachkräfte. Ein Recht auf Verwahrung reicht eben nicht – wir brauchen Ganztag mit Qualität.

Zum anderen geht es um eine zu geringe Anzahl von Plätzen, die verteilt werden müssen. Wo Knappheit herrscht, gibt es Raum für Kreativität, aber auch für Lösungen nach wirtschaftlichen Abwägungen. Wie wahrscheinlich ist es also, dass die vorhandenen Plätze an Kinder gehen, deren Eltern klagebereit sind, und dafür nicht an Kinder, die von zusätzlicher Zeit in der Schule besonders profitieren würden? Wie oft wird es vorkommen, dass Betreuungsplätze älterer Kinder höherer Jahrgangsstufen gestrichen werden, um den Rechtsanspruch umzusetzen – und wie sieht das in den nächsten Jahren aus, wenn sich durch solche Umverteilungen nicht mehr kaschieren lässt, dass weiterhin nicht genügend Plätze geschaffen werden können? Das ist ein Problem für die Bildungsgerechtigkeit.

Die Zahlen zeigen zum Glück auch: Die Kommunen bemühen sich, und die Situation hat sich bundesweit leicht verbessert. Dennoch bleibt die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit groß. Wo Räume fehlen, brauchen wir flexible Konzepte; wo Personal nicht entsprechend der pädagogischen Anforderung eingestellt wird, brauchen wir gezielte Fortbildung und Unterstützung.

Ganztagsbetreuung ist nicht nur ein Versprechen für die Verwahrung von Kindern, es muss Baustein pädagogischer Förderung sein, und auch entsprechend gut ausgestattet werden. Die Politik muss jetzt handeln – und zwar mit Mut, Weitsicht und klaren Qualitätsstandards. Denn die Kinder, die heute ihre ersten Schritte in die Schule machen, dürfen nicht die Leidtragenden hohler Versprechen sein.


Erstveröffentlichung in Fuldaer Zeitung am 13. Februar 2026.
Mit Genehmigung der Redaktion.