Blumen vertrocknen ohne Wasser. Bei allem morbiden Reiz verkümmert, was hätte sein sollen oder hätte werden können …
In der Bildungspolitik ist das nicht anders. Lehrer sind Gärtner, so eine Metapher von Erich Kästner. Sie hegen und pflegen ihre Schüler – wachsen jedoch müssen diese selbst. Aber wenn das Wasser versiegt?
Alle reden von Bildung - dennoch wird in den Etats weiter gespart. Wie das im Zeitalter zunehmender globaler Konkurrenz trotzdem geschieht, ist hier nachzulesen. Aber es gibt auch Lichtblicke, wie die Praxis zeigt …
Liebe Leserinnen und Leser,
Kein Geld ist immer da! – dieser Aphorismus eines nicht unbedeutenden VBE-Vertreters beschreibt die ewig andauernde Diskussion um eine ausreichende Finanzierung von Schule und Bildung durchaus treffend: Selbst angesichts der sozialen und globalen Herausforderungen wird um bessere Lernvoraussetzungen an unseren Schulen gefeilscht.
Welche fragwürdigen Argumente dafür herangezogen werden, zeigt der Schwerpunktartikel von Gerd Möller in diesem Heft. Von der Bildungsrepublik Deutschland sind wir offensichtlich noch weit entfernt. Zumindest, wenn es ums Geld geht - und nicht nur um Sonntagsreden.
In unserem Blickpunkt geht es um die pädagogischen Chancen der Migration. Nach der Sarrazin-Debatte und den Turbulenzen um ein Flugblatt zum schulischen Umgang mit Migrantenkindern scheint es angebracht, auf den Boden der pädagogischen Möglichkeiten zurückzukehren. Und diese gibt es – wie unser Autor meint.
Wir freuen uns über Ihr Interesse und sind gespannt auf Ihre Anregungen.
Ihre B&E-Redaktion
Kultur der Schule – Schule der Kulturen
Migration verlangt interkulturelle Schulentwicklung
Von Manfred Schreiner
Seit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 bekennt sich Deutschland faktisch zu einem Einwanderungsland und verlangt von allen Migranten und ihren Kindern zur Integration den Erwerb der Verkehrssprache Deutsch und die Anerkennung des Grundgesetzes sowie die Befolgung aller juristischen Vorgaben unserer Gesellschaftsordnung. Diese geforderte Gesetzestreue heißt aber nicht, dass alle das Gleiche essen, die gleichen Lieder singen und zum selben Gott beten müssen. Für die Schule bedeutet dies, dass alle, In- und Ausländer, die Regeln der Schule zu beachten haben, sie aber trotzdem ihre kulturellen und religiösen Eigenheiten pflegen dürfen. Die erlaubte Vielfalt der Lebensentwürfe in der Einheit von Verkehrssprache und Rechtstreue verbietet Machogehabe, Frauendiskriminierung und religiöse Intoleranz, erlaubt aber Herkunftssprache, kulturelle Identität und freie Religionsausübung.
Eine interkulturelle Schulentwicklung muss dafür sorgen, dass einerseits die Verkehrssprache Deutsch erworben wird, andererseits aber die Familiensprache nicht unterdrückt wird, dafür sorgen, dass alle unsere freiheitlich demokratische Grundordnung bejahen aber trotzdem noch ihr Herkunftsland lieben dürfen, dafür sorgen, dass alle friedlich zusammenleben wollen aber trotzdem nationale Identitäten behalten dürfen. Eine interkulturelle Schulentwicklung basiert immer auf einem „sowohl als auch“ und vermeidet das „entweder-oder“.
Bewusster Umgang mit Sprachen
Aufgrund der erwerbsorientierten Zuwanderung nach Deutschland in den letzten 60 Jahren muss man davon ausgehen, dass die Familiensprache der Migrantenkinder nicht deutsch ist. Man muss in der Regel leider auch davon ausgehen, dass das Niveau in der Muttersprache, schichtenspezifisch bedingt, nicht sehr hoch und kaum ausdifferenziert ist. Dies führt zu einer eingeschränkten Begriffsbildung schon in der Familiensprache und erschwert massiv das Erlernen der Zweitsprache Deutsch. Wer zum Beispiel in seiner Herkunftssprache nur den Begriff Schuh kennt, wird in der Zweitsprache die Wörter Turnschuh, Stiefel, Sandalette usw. nur schwer begreifen. Die mehrfach national und international (über 150 Studien!) eindeutig bewiesene Tatsache, dass das Niveau in der Zweitsprache nicht höher sein kann als das Niveau in der Herkunftssprache verlangt zwingend die systematische Durchdringung der Muttersprache auch in der Schule.
Die besten Ergebnisse in beiden Sprachen, Herkunftssprache und Deutsch als Fremdsprache, werden erzielt, wenn der Unterricht in der Zweitsprache mit dem muttersprachlichen Unterricht didaktisch und methodisch verzahnt wird. Dies gelingt im Idealfall durch den Einsatz von muttersprachlichen Lehrkräften. Leider haben viele noch nicht begriffen, dass Mehrsprachigkeit kein Nachteil sondern ein von der EU gefordertes Bildungsziel ist, das die Herkunftssprachen der Migranten einschließt.
Die Wichtigkeit von Sprache als Grundlage allen Lernens müssen alle an der Schule in allen Fächern berücksichtigen. Versprachlichung in allen Fächern (wer nur etwas von Chemie versteht, versteht auch nichts von Chemie) heißt die Devise. Praktischer Tipp in diesem Zusammenhang: Wenn die Lehrkraft merkt, dass ein Schüler nichtdeutscher Muttersprache etwas nicht begreift, jedoch ein Mitschüler der gleichen Ethnie, kann hier eine muttersprachliche Partnerarbeit, d.h. in der Muttersprache erklärt ein Schüler dem anderen Schüler einen Sachverhalt, sehr hilfreich sein. Lernen durch Lehren ist dabei ein erwünschter Nebeneffekt.
Um an der Schule Mehrsprachigkeit als Wert herauszustellen, folgende Beispiele:
Interkulturelles Lernen
Deutsche Kinder und Eltern fühlen sich durch die Anwesenheit von Migranten in der Schule sehr oft bedroht und natürlich treten hier immer wieder interkulturell bedingte Konflikte auf. Solche Konfliktfelder sind zum Beispiel unterschiedliche Körpersprache, unterschiedliches Zeitverständnis, andere Kommunikationsformen und dergleichen mehr. In multinationalen Klassen muss folglich bewusst durch Interkulturelles Lernen zur Solidarität erzogen werden.
Wenn man Interkulturelles Lernen in der Schule ernst nimmt, muss man versuchen, von der Grundschule bis zur Schulentlassung folgende Stufenleiter zu durchschreiten:
(1) sich gegenseitig kennen lernen,
(2) sich gegenseitig verstehen lernen,
(3) sich gegenseitig achten lernen,
(4) voneinander lernen,
(5) füreinander eintreten.
Das Durchschreiten dieser Stufenleiter geschieht mit interkulturellem und sozialem Lernen. Dieses Lernen darf jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger oder offensichtlicher Indoktrination begleitet werden. Missionarischer Eifer wirkt hier kontraproduktiv.
Normalität des Fremden
Leider wurden in Deutschland Fremde und das Fremde in unserer Geschichte und auch in der Gegenwart immer entweder dämonisiert („die Bedrohung durch den Islam“) oder idealisiert („liebe Ausländer bleibt bitte hier, lasst uns mit den Deutschen in Deutschland nicht allein“). Schulen sollten sich zur Grundeinstellung der Normalität des Fremden durchringen. Normalität des Fremden heißt Vorurteile und Klischeevorstellungen abbauen und Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund als Menschen wie du und ich aber oft mit einem besonderen Förderbedarf zu betrachten. Normalität des Fremden heißt auch, dass Schulen mit hohem Migrationsanteil sich von ihrem Leitbild her bewusst als normale Schulen verstehen sollten.
Die Titulierungen „Schule am sozialen Brennpunkt“, „Kiezschule“, „Ghettoschule“, „multikulturelle Schule“ usw. haben, obwohl meistens gut gemeint (das Gegenteil von gut ist fast immer gut gemeint), dem Ansehen dieser Schulen mehr geschadet als genützt. Englische Untersuchungen haben seit langem bewiesen, dass in Schulen mit einem guten Image mehr gelernt wird als in Schulen mit besonderem Ruf. Natürlich hat eine Schule in der Großstadt mit hohem Migrationsanteil andere pädagogische Herausforderungen als eine kleine Grundschule im ländlichen Raum. Trotzdem soll sich auch diese Schule in der Großstadt als Normalschule verstehen, die sich zur Aufgabe macht, ihren Schülerinnen und Schülern und Eltern, unabhängig davon, ob In- oder Ausländer, eine angemessene Bildung und Erziehung zu vermitteln.
Es geht um die Entwicklung einer Kultur des gemeinsamen Lernens und der Förderung aller Begabungen durch Methoden- und Sachkompetenz der Lernenden und Lehrenden mit gezielten Unterstützungssystemen.
Manfred Schreiner
Integrationsbeauftragter des BLLV
manfred.schreiner@nefkom.net
Bildungsrepublik …. zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten?
Von Udo Beckmann
Seit 2008 geistert durch Deutschland das Wort von der Bildungsrepublik. Mehr Bildung für alle, bessere Schulen und Hochschulen, mehr Kindergärten, mehr Geld für Bildung wurden von Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten zu Bildungsgipfeln hochstilisiert. Das kam in der Öffentlichkeit gut an. Laut forsa-Umfrage im Auftrag des VBE unterstützen drei von vier Bundesbürgern das Ziel der Bildungsrepublik. Doch 79 Prozent der Bundesbürger halten die Bildungsrepublik inzwischen für eine Worthülse. Die repräsentativen Erhebungen von forsa im Auftrag des VBE belegen, die Bürgerinnen und Bürger durchschauen die Trickserei von Bund und Ländern. Das lässt hoffen, denn 2011 ist ein Superwahljahr. Mit Bildungspolitik lassen sich Wahlen verlieren oder gewinnen. NRW hat es gezeigt. Der VBE rät Bundeskanzlerin und Länderchefs dringend, den Worten endlich Taten folgen zu lassen.
Bildung eröffnet gesellschaftliche Teilhabe. Unsere Demokratie lebt davon. Bildung ist als Menschenrecht anerkannt, doch das bedeutet, die Bildungschancen von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Für gleiche Bildungschancen im Land zu sorgen, ist ein gesamtstaatlicher Auftrag. Das sollte genug Ansporn sein, in Kindergärten und Schulen zu investieren und sie nicht als Haushaltsballast abzutun. Im Schulalltag liegt die Lehrerversorgung unter 100 Prozent, hohe Klassenteiler machen individuelle Förderangebote fast unmöglich und Schulsozialarbeiter sind nach wie vor eine eher seltene Spezies an den Schulen. Gebäudeschäden beeinträchtigen die Gesundheit von Schülern und Lehrern und konterkarieren pädagogische Arbeit. Barriere freie Schulen muss man mit der Lupe suchen.
Die Bildungsrepublik muss ernsthaftes Ziel bleiben. Wir lassen Bund und Länder nicht aus der Pflicht, zukunftsträchtig in die Qualität von Bildung zu investieren. Das heißt: 1. Alle Bildungseinrichtungen müssen Bedingungen vorhalten können, damit jede Schülerin, jeder Schüler individuell gefördert und gefordert werden kann. 2. Zügig und mit Augenmaß muss ein inklusives Bildungssystem geschaffen werden, wozu sich Deutschland per Unterschrift verpflichtet hat. Inklusive Bildung, die weder Kinder mit noch Kinder ohne Behinderungen benachteiligt, gelingt nur, wenn die notwendigen personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen in allen Bereichen des Bildungssystems geschaffen werden. 3. Gelingende Integration von Menschen mit Migrationshintergrund beginnt mit einer Wohnungspolitik, die Ghettobildung verhindert und mit Voraussetzung dafür ist, dass die Zusammensetzung der Schülerschaft gesamtgesellschaftliche Sozialstrukturen abbildet.
Wir brauchen deshalb eine Bildungsfinanzierung, die es mit der Bildungsgerechtigkeit ernst nimmt. Eine Ganztagsschuloffensive II ist dringend geboten. Deshalb muss das Kooperationsverbot von Bund und Ländern im Bildungsbereich fallen. Dann können die Gelder konzentriert zur Überwindung der Schwachstellen des staatlichen Bildungsangebots eingesetzt werden. Auch muss die demografische Rendite bei Rückgang der Schülerzahlen im Bildungssystem bleiben.
Wenn wir wirklich auf dem Weg zu einer Bildungsrepublik vorankommen wollen, ist eine starke gewerkschaftliche Interessenvertretung, eine unabhängige berufspolitische Vertretung von Pädagoginnen und Pädagogen wie der VBE ein absolutes Muss. Wir mischen uns weiter kräftig ein.
Udo Beckmann
Bundesvorsitzender des VBE