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Jungen fehlen Männer! Aber wieso?

von Reinhard Winter

Die Diskussion um die Lage der Jungen in der Schule wird gern zugespitzt auf das Schlagwort der „fehlenden männlichen Vorbilder“. Wie andere Verkürzungen führt auch diese in die Irre: Es wird suggeriert, durch ein paar Männer wäre Jungen geholfen, lediglich durch deren Körpergeschlecht. Die Beziehungsqualität zwischen Junge und Mann wird auf das Vorbildhafte des Mannes reduziert; und überdies werden latent Lehrerinnen abgewertet, als wären sie für Jungen völlig nutzlos.

So falsch diese Reduktion auch ist, so wichtig ist es auf der anderen Seite, das Thema ernst und in den Blick zu nehmen

Warum brauchen Jungen Männer?

Auf die Vorbildfunktion lässt sich die Bedeutung von Lehrern als Männer nicht beschränken.

Als konsistentes Vorbild („ich will genau so werden...“) sind Lehrer für Jungen kaum gefragt und die wichtigsten Vorbilder für Jungen sind ohnehin andere Jungen. Dennoch ist es für die Entwicklung von Jungen förderlich, wenn sie in ihren Lebenswelten Männer vorfinden – in der Mehrzahl. Wäre dies in Familie, Nachbarschaft, auf dem Spielplatz und im Kindergarten ausreichend der Fall, dann wären Männer in der Schule nicht so wichtig. Die Forderung nach mehr Männern in der Schule ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Schieflage: auch in anderen kindlichen Lebenswelten fehlen Männer. Schule kann dies kaum ausgleichen.

Jungen brauchen Männer in mehrfacher Hinsicht: als geschlechtliche Identifikations- oder Abgrenzungsfiguren, als Reibungsfläche für Generationskonflikte und immer wieder auch als „Anschauungsobjekte”, um die Bandbreiten des gelebten Männlichen entdecken zu können. Dies  geschieht vorzugsweise in der Auseinandersetzung mit einer Vielfalt wirklicher, lebendiger Männer (im Kontrast zu Medienfiguren), in Beziehungen zu verschiedenen Männern. Die Unterschiedlichkeit erlebter Männer relativiert gleichzeitig die Bedeutung von Männlichkeitsideologien: Mit den hohen Normen kulturell-medialer Männlichkeit kann es wohl nicht so weit her sein, wenn und weil kein echter Mann dem nur annähernd entspricht.

Die Sehnsucht vieler Jungen nach dem Männlichen, nach Erfahrungen mit Männern, ihre Suche nach männlichen Figuren und ihr Wunsch, sich mit Männern auseinander zu setzen,  ist aber nur die eine Seite des Problems.

Welche Männer braucht der Junge?

Ein männlicher XY-Chromosomensatz macht noch keinen für Jungen entwicklungs­fördernden Mann. Unreflektiertes Männlich-Sein reproduziert überholte Geschlechterbilder und macht Jungen eher Probleme. Es muss deshalb nach der Qualität der Männer gefragt werden, die mit Jungen arbeiten (sollen), nach Genderkompetenz und Professionalität. Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Lehrer sind auch hier bedeutsam. Zudem sind männliche Lehrer gefragt, die mit sich und ihrem Geschlecht einigermaßen im Reinen sind: die gern Männer sind, die ihre Geschlechtlichkeit aktiv angehen und dabei ihr Männ­lichsein ohne Abwertung von Mädchen oder Frauen und ohne Dominanzphantasien generieren.

Solche profilierten Männer bringen Lehrerausbildung und Schulwirklichkeit kaum hervor; vielleicht liegt darin mit ein Grund dafür, warum das Image des Lehrers für junge Männer wenig attraktiv ist? Zugespitzt benötigen Jungen keine Weichspülpädagogen, sondern erwachsene Männer mit positiver Autorität. (Solche Lehrer sind – da lasse ich mich gern vom Gegenteil überzeugen – derzeit eher in der Minderheit).

Jungen, die bei ihrer Suche nach dem Männlichen auf gute, genderkompetente Lehrer treffen, haben Glück, weil sie damit über Bausteine für die Gestaltung ihres Männlichseins verfügen. Umgekehrt ist der Umstand weniger oder fehlender Männer in der Schule ein geschlechtlicher Schicksalsschlag für den Jungen, der biografisch zu bewältigen ist.

Bemerkenswert ist schließlich bei der „Jungen in der Schule“-Diskussion, dass das Geschlecht der Frauen kaum erwähnt wird. Das ständige Jammern über zu wenige Männer als Vorbilder übertönt die Frage danach, welche Qualitäten Lehrerinnen und Lehrer oder Schul­leiterinnen und Schulleiter den Jungen und den Mädchen ebenso bieten. Geschlecht ist immer eine relationale Kategorie. Sich nur mit dem einen zu befassen, greift auf jeden Fall zu kurz.

Dr. Reinhard Winter ist in der Leitung des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen. Er arbeitet mit und forscht über Jungen u.a. in Schule und Jugendhilfe. Außerdem qualifiziert er Menschen, die mit Jungen arbeiten, in Form von Weiterbildungen oder in der Organisationsberatung (Schulen, Jugendhilfeträger).
Aktuelle Veröffentlichung: Jungen – eine Gebrauchsanweisung. Beltz Verlag (2011).

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