Bildungsgerechtigkeit

Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BNE)

Was Schule leisten muss

Die Menetekel sind nicht mehr zu übersehen: Dürren, Wirbelstürme, sintflutartige Regenfälle, schwere Gewitter, schmelzende Gletscher und steigender Meeresspiegel sind Folgen des menschengemachten Klimawandels. Auch in gemäßigten Zonen wie in Mitteleuropa sind die gravierenden Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren.

Auf der UN-Konferenz in Rio wurde 1992 eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Entwicklung als globales Ziel von größter Dringlichkeit von allen Staaten anerkannt. Im Jahr 2015 wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung einstimmig verabschiedet. Die internationale Staatengemeinschaft will damit die Grundlage dafür schaffen, weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde zu gestalten. Dennoch hat sich seitdem viel zu wenig bewegt – auch in Deutschland.

Um die notwendigen Klimaziele zu erreichen, sind wir alle zu einer Veränderung unserer Lebensweise aufgefordert. Unser Leben muss sich an der Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und der Überwindung der Armut in der Welt orientieren. Dies erfordert eine grundlegende Neuausrichtung unseres Denkens. Um nachhaltig zu handeln, muss der Einzelne/die Einzelne bewusste und abgewogene Entscheidungen für sein/ihr Handeln auch im Hinblick auf die sozialen und ökologischen Auswirkungen treffen.

Bildung kommt hierbei eine zentrale Aufgabe zu. Als Pädagogen ist die Sicherung einer lebenswerten Zukunft für die kommenden Generationen Teil unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung. Deshalb müssen auch wir entschieden handeln. Der VBE sieht in der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) eine epochale Herausforderung für die Gesellschaft und damit auch für die Schule.

BNE Bedeutung und Zielsetzungen für Schule

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist ein zentral wichtiger und unverzichtbarer Teil des Bildungsauftrags. Sie kann grundlegend nur in der Schule geleistet werden. Schule muss ihn aufnehmen. Sie muss die bisherigen Ansätze einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) zu einem dauerhaften und fächerübergreifenden Schwerpunkt ihrer pädagogischen Arbeit ausbauen.

BNE führt zentrale Elemente und wirksame Methoden von Umweltbildung, Demokratiepädagogik und Globalem Lernen zusammen. Durch BNE sollen Schüler*innen Kompetenzen erwerben, die bisher zu wenig ausgeprägt wurden: Sie müssen befähigt werden, ihr eigenes Handeln kritisch zu reflektieren, Verantwortung zu übernehmen und konkrete Umsetzungen im Hinblick einer lebenswerten Zukunft für alle vorzunehmen.

Die Kernfrage auf diesem existenziellen Weg lautet: „Wie wollen wir eigentlich leben?“  Diese Frage rückt neue Lebensqualitäten in den Mittelpunkt und verändert liebgewonnene Konsum- und Lebensweisen.

BNE als erfahrungsbetontes Konzept setzt darauf, dass die Schüler*innen konkrete Möglichkeiten des Engagements für Umweltschutz und globale Gerechtigkeit erkennen. Dabei erkunden sie aktiv Handlungsspielräume zur Gestaltung ihrer schulischen und außerschulischen Lebenswelt und füllen sie partizipativ aus. Kinder und Jugendliche müssen sich auf diesem komplexen Gebiet nachhaltiger Entwicklung als selbstwirksam erleben können, um nicht zu resignieren. Entscheidend ist, dass sie positiv emotional berührt werden. Es muss gelingen, sie dabei in der Schule zu begeistern und mitzunehmen für ein neues Handeln und Tun, für neue Ideen eines gedeihlichen Zusammenlebens. Dazu muss der Alltag in Schulen und Betreuungseinrichtungen an den Kriterien nachhaltiger Entwicklung orientiert sein.

Schule muss „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zu einem dauerhaften Schwerpunkt ausbauen, um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Die Umsetzung von BNE darf nicht lokal beschränktem Willen und Engagement in der jeweiligen Schulkultur überlassen bleiben. Vielmehr gilt es, BNE an allen Schulen durch intensives und strukturell abgesichertes Arbeiten mit entsprechenden Unterrichtsinhalten und -methoden umzusetzen und zum festen Bestandteil des gesamten Schullebens zu machen.

Schule kann natürlich nicht allein verantwortlich für den nötigen gesamtgesellschaftlichen Wandel sein. BNE ist deshalb Teil eines grundlegenden Umdenkens in Ökonomie und Politik. Sie vollzieht sich in enger Kooperation und im engen Verbund mit externen Experten und Akteuren aus dem schulischen Umfeld.

Konkrete Forderungen:

1. BNE in der Lehrerbildung wirksam umsetzen

BNE muss in allen Phasen der Ausbildung von Lehrkräften herausgehobene Bedeutung erhalten. Sie muss auch an den jeweiligen Institutionen gelebt und erfahren werden. Pädagogen brauchen, unabhängig von ihren studierten Unterrichtsfächern, theoretisches Wissen und methodische Kompetenzen in diesem vielseitigen Handlungsfeld.

2. BNE in den Lehrplänen und in Unterrichtsmedien optimal verankern

Die Inhalte und Methoden zu BNE sind in den Lehrplänen der Länder in sehr unterschiedlicher Intensität und Verbindlichkeit enthalten. In Anbetracht der Fülle von Themen ist BNE auch nicht sofort als „roter Faden“ im Lehrplan erkennbar, wie dies beispielsweise in den Schweizer Lehrplänen der Fall ist.

Um für Lehrer*innen und Schüler*innen diesen „roten Faden“ erkennbar zu machen, sind Querverbindungen systematisch auszuweisen. Damit können fachspezifische und überfachliche Ebenen intensiv miteinander vernetzt werden. So kann der Lehrplan sein Potenzial voll entfalten und BNE im Unterrichtsalltag und damit im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler wirklich präsent sein. Eine punktuelle Thematisierung wie etwa im Rahmen vereinzelter Projektwochen oder einer Arbeitsgemeinschaft reicht hierzu nicht aus.

Diese Zielsetzung sollte dadurch unterstützt werden, dass ein hoher Stellenwert von BNE als Bedingung für die Zulassung von Schulbüchern und weiterer Unterrichtsmedien eingeführt wird.

3. Systematische Schulentwicklung zu BNE ermöglichen

BNE muss bei Schulentwicklungsprozessen eine wesentliche Bedeutung erhalten. Tiefgreifende Entwicklungsprozesse sind vor allem in folgenden Bereichen nötig:

  • Systematische Unterrichtsentwicklung (inhaltlich und methodisch)
  • Konsequente Ausrichtung des schulischen Alltags und des gesamten Schullebens an Grundsätzen globaler Nachhaltigkeit
  • Verlässliche Verankerung wirklicher Mitbestimmungs- und Mitverantwortungsformen von Schülern aller Bildungsstufen

Wenn Schulen BNE erfolgreich umsetzen sollen, dann wird dies bei anhaltendem Personalmangel zusätzlich zu den bestehenden vielfältigen Anforderungen, wie z. B. Integration, Inklusion, Ganztagsversorgung und Digitalisierung scheitern. Unsere Kolleginnen und Kollegen und die Schulleitungen brauchen den Rücken frei für die zentralen Aufgaben von Schule, zu denen auch BNE gehört!

Vor diesem Hintergrund erhalten langjährige Forderungen des VBE eine zusätzliche Dringlichkeit:

  • Prüfung aller schulischen Handlungsfelder im Hinblick auf eine Reduktion des Arbeits- und Verwaltungsaufwands (z. B. Umfang der Zeugnisse, Schriftwesen, EDV-Ausstattung, verpflichtende Fortbildungen, Bildungs- und Teilhabepaket),
  • strikte Begrenzung zusätzlicher Anforderungen (z. B. Erstellung und Umsetzung diverser Konzepte, Teilnahme an Programmen und Projektinitiativen von Seite der Schulverwaltung),
  • Entlastung bei Verwaltungsaufgaben (z. B. bedarfsgerechte Ausstattung jeder Schule mit Verwaltungsangestellten, effiziente Schulverwaltungs- und Zeugnissoftware, unbürokratische Anstellung von Drittkräften),
  • zusätzliche Lehrerstunden für BNE (z. B. Arbeitsgemeinschaften, Schülerfirmen, Anrechnungsstunden),
  • BNE als Schwerpunkt bei der Evaluation.

4. Schulen bei der Umsetzung von BNE effektiv unterstützen

Schule muss bei der Umsetzung von BNE von Politik und Gesellschaft unterstützt werden. Sie muss mit Impulsen und Initiativen von außen und bei der Organisation von Veränderungsprozessen aktiv begleitet werden. So sind insbesondere der jeweilige Sachaufwandsträger und das schulische Umfeld gefordert. Sie müssen zusammen mit der Schulfamilie Prozesse anstoßen und kurz-, mittel- und langfristige Zielsetzungen gemeinsam definieren. Aktionen können konkret umgesetzt werden z.B. bei gemeinsamen Erhebungen und Veränderungen hinsichtlich der Müllvermeidung (insbesondere Plastikmüll), einer Vermeidung des Verkehrsaufkommens (z.B. „Elterntaxi“) oder einer Verbesserung der Heizungsanlage an der Schule.

Angesichts der Komplexität der erforderlichen Schulentwicklungsprozesse zur Umsetzung von BNE müssen alle Schulen auf externe Strukturen zurückgreifen können, die sie optimal unterstützen und begleiten. Hierzu gehört eine bundesweite Schulentwicklungs- und Fortbildungsstrategie unter dem speziellen Gesichtspunkt der Umsetzung von BNE:

  • Die bisherigen Leitlinien für Umweltbildung sind im Sinne von BNE zu erweitern. Dem erweiterten Aufgabenspektrum entsprechend sind Stellen mit zusätzlichen Ressourcen auszustatten.
  • An der einzelnen Schule sind BNE-Koordinierungsgruppen (Schulleitung und 1 - 3 Lehrkräfte, jeweils mit entsprechenden Anrechnungsstunden) einzurichten und ein zusätzliches Budget für die langfristige Kooperation mit einem qualifizierten externen BNE-Partner (z. B. Umweltstation) bereit zu stellen.
  • Auf regionalen Ebenen ist ein BNE-Netzwerk, betreut von Koordinatoren mit entsprechenden Anrechnungsstunden zu bestellen. Zur Optimierung der Netzwerkarbeit der einzelnen Schulen finden unter der Leitung des Koordinators regelmäßige Dienstbesprechungen mit den einzelnen Koordinierungsgruppen bzw. Umweltbeauftragten aller Schularten statt.
  • Auf den übergeordneten Ebenen ist eine BNE-Arbeitsgruppe einzurichten, die unter anderem passgenaue Unterrichtsmaterialien zu BNE, entwickelt.
  • Auf allen Ebenen werden zusätzliche Mittel für BNE als Fortbildungsschwerpunkt zur Verfügung gestellt.

Darüber hinaus sollten Schulen durch ein bundesweites BNE-Onlineportal, ähnlich wie in Baden-Württemberg (vgl. www.bne-kompass.de), schnell Zugriff auf BNE-Ressourcen und Expertise erhalten. Dabei sind folgende Funktionen nötig:

  • passgenaue Recherche bezüglich aktueller BNE-Angebote externer Partner in der Region
  • Rechercheportal für Lehrkräfte und Schüler zu objektiven Informationen und hochwertigen Unterrichtsmaterialien zu BNE

5. Einsatz des VBE für globale Nachhaltigkeit ausbauen

Kinder und Jugendliche brauchen glaubwürdige Vorbilder und suchen nach attraktiven Möglichkeiten zur Identifikation. Bildung für nachhaltige Entwicklung wird dann erfolgreich sein, wenn im Alltag und insbesondere in den Medien nachhaltige Verhaltensmuster und Wertvorstellungen präsent sind.

Daher setzt sich der VBE für nachhaltige Lebensstile in unserer Gesellschaft insgesamt ein. Dazu nutzt er seine Präsenz in anderen Gremien und kooperiert mit anderen Akteuren, die für nachhaltige Lebensstile eintreten.

Der VBE bietet seinen Mitgliedern über Verbandsmedien vielfältige Anregungen, Praxisbeispiele und Materialien zu BNE und unterstützt die kollegiale Vernetzung.

Verbandsarbeit des VBE an Grundsätzen globaler Nachhaltigkeit ausrichten

Auch der VBE ist als Pädagog:innenverband Vorbild. Deshalb muss auch er die eigene Verbandsarbeit an Grundsätzen der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit ausrichten, wo immer dies sinnvoll und möglich ist. Durch den Einsatz umweltfreundlicher Materialien und fair gehandelter Produkte sowie ein wirksames Konzept zur Verminderung von Abfällen und Abgasemissionen trägt der VBE unmittelbar zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft bei und kann auch ein glaubwürdiges Vorbild für andere Akteure sein.